Derselbe schaute jetzt der Meisterin, wie sie das Restlein Brot so hielt, mit einem krummen Kopf begierig auf die Finger. Da sagte sie zu ihrem Bräutigam: „Soll es der Heinz nicht haben?“ — Der Seppe dachte freilich: Damit geht manches Hundert schöner Laiblein ungesehen zuschanden; doch gab er ihr zur Antwort: „Was mein ist, das ist Euer, und was Euch hin ist, soll auch mir hin sein.“ — So schnellte sie den Brocken ihrem Heinz hinauf; der schnappte ihn, zerbiß und schluckt’ ihn nieder. Kaum aber war’s geschehn, so hub der Sittich an zu reden und brachte laut und deutlich diese Worte vor:
Gut, gut, gut — ist des Hutzelmanns sein Brot.
Wer einen hat umgebracht und zween, schlägt auch den dritten tot.
Die Meisterin saß bleich, als wie die Wand, auf ihrem Stuhl, der Gesell aber, wähnend, sie sei darob verwundert vielmehr denn entsetzt, lachte und rief: „Der ist kein Narr! Er meint, wenn man es einmal recht verschmeckte, fräß einer leicht auf einen Sitz drei Laib!“ — Darauf die Frau zwar gleichermaßen groß Ergötzen an dem Tier bezeugte; doch mochte es ihr wind und weh inwendig sein, und als der Bräutigam, nachdem er lang genug von dem närrischen Vogel gered’t und Scherz mit ihm getrieben, jetzo von andern, nötigen Dingen zu handeln begann: wie sie es künftighin im Haus einrichten wollten, wen von den Gesellen behalten, wem kündigen und so mehr, war sie mit den Gedanken unstet immer nebenaus; das wollten sie bei guter Zeit ausmachen, sagte sie, tat schläfrig, besah die Haube noch einmal und setzte sie auf vor dem Spiegel. — „Puh! friert’s mich in der Hauben!“ rief sie zumal und schüttelte sich ordentlich. „Das Silber kältet so.“ — Dann sagte sie: „Wenn schwarze Band dran wären, mein! es wär’ recht eine Armesünderhaube für eine fürstliche Person!“ und lachte über diese ihre Rede einen Schochen, daß den Gesellen ein Gräusel ankam. Gleich aber war sie wieder recht und gut, gespräch, liebkoste den Gespons und machte ihn vergnügt, wie er nur je gewesen. Danach so gaben sie einander küssend gute Nacht und ging er, aller guten Dinge voll, auf seine Kammer.
Den andern Morgen, es war am Sonntag, sah er den schönen Sittich nicht mehr sitzen in dem Ring, und die Meisterin sagte mit unholder Miene: „Das Schnitzbrot hat ihm schlecht getan, ich fand ihn unterm Bank da tot und steif und schafft’ ihn mir gleich aus den Augen.“
Das deuchte dem Gesellen doch fast fremde, auch sah er einen Blutfleck am Boden. Am meisten aber wunderte und kränkte ihn, daß ihm die Frau so schnorzig war.
Am Nachmittag, weil seine Braut nicht heim kam von der Kirche aus, spazierte er mit seinen Kameraden um den Wall nach einer neuen Schenke gegen Söflingen. Einer von ihnen schlug ein paarmal bei ihm auf den Busch und stichelte auf seine Liebste; da denn ein anderer, ein loser Hesse, den Scherz aufnahm und sagte: „Der Fang wär’ recht für einen Schwaben, die haben gute Mägen, Schuhnägel zu verdauen.“
Weil nun der Seppe nicht verstand, wie das gemeint sei, blieb er mit seinem Nebenmann, einem ehrlichen Sindelfinger, ein wenig dahinten und frug ihn darum. „Das ist dir eine neue Mär?“ sprach der gar trocken. „Deine Meisterin, sagt man, hab’ in Zeit von drei Jahr ihren zween Männern mit Gift vergeben. Vom letzten soll es sicher sein, vom ersten glaubt’s darum ganz Ulm. Den zweiten hat man erst verwichenes Frühjahr begraben. Die Richter hätten ihr das Urteil gern zum Tod gesprochen, konnten aber nichts machen; denn auf dem Sterbebett sagte ihr Mann, er habe Schuhnägel gefressen. Dergleichen fanden sich nachher auch richtig in dem Leib, allein man glaubt, er habe sie in Schmerzen und Verzweiflungswut, als er das Gift gemerkt, nur kurze Zeit vor seinem End geschluckt.“
Dem Seppe verging das Gesicht. Er schritt und schwankte nur noch so wie auf Wollsäcken bis in die Schenke. Dort stahl er sich hinweg und ließ sein volles Glas dahinten.
Abwegs in einem einsamen Pfad saß er auf einer Gartenstaffel nieder, seine Lebensgeister erst wieder zu sammeln. Alsdann dankte er Gott mit gefalteten Händen, daß er ihn noch so gnädig errettet, überlegte und kam bald zu dem Beschluß, gleich in der nächsten Nacht das Haus der schlimmen Witwe, ja Ulm selbst insgeheim zu verlassen. Er blieb dort sitzen auf dem gleichen Fleck, bis die Sonne hinab und es dunkel war. Dann ging er in die Stadt, strich, wie ein armer Sünder und Meineider, lang in den Straßen hin und her und suchte zuletzt, von Durst und Hunger angetrieben, eine abgelegene Trinkstube, wo viele Gäste zechten, ihn aber niemand kannte. Dort barg er sich in einem dunklen Sorgeneck bei einem Fenster nach den Gärten und der Donau zu.