Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes für die weitere Gestaltung des Ganzen.

Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische: von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern, die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern, Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit für sich, die hier nicht in Betracht kommt.

Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde) herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes zu wiederholen.

Der Krieg.

Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.

Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen. Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen alle waren im Strom.

Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt, denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden ergriffen hätte!

Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man zuviel Soldat war!).

Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich, daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem, zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen Folgen mußten furchtbar sein! –