Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.
Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder Schande; doch:
Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem Falle krachte der ganze Mechanismus des Bestehenden in einem Augenblick völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.
So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen, so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern und Soldaten.
Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüber herzufallen, erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.
Die Patrioten.
Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter- und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die – zu erhalten suchten!
Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten, möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten. Aber weiter vermochten sie nichts.
Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte einschneidende Maßnahmen zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich, mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das ganze Feld zu entflammen! –
Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation dieses Krieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht haben, ein Phänomen der Geschichte.