Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen; unsere höhere Töchterschulbildung aber ist Halbbildung der schlimmsten Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen.

Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden, welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3 Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11–12 Jahre mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die erlangte Bildung den Kopf verdrehen.

Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten, Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten, damit sich beide nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen, von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden. Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet.

V.
Die heutige Geselligkeit.

1. Die Geselligkeit im Hause.

Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen, d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause, also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6 diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um 7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung der Tageszeiten fortschreiten kann. Schon bei uns machen sich die unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der Geselligkeit.

Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden, wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9 verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen, so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen. Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt, weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.

In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren, indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt, d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander, wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.

Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“ bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.

Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.