9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt haben.
Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung der vollen Einheitsschule wird auf der nächsten Stufe der Reform überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst werden können, sondern erst für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer Beibehaltung des Griechischen für alle Schüler scheint mir nur dann erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der einzigen in der Schule getriebenen alten Sprache wird.
XIII.
Der Bücher Noth.
Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig in Betracht kommen.
In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug, dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert, während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.
Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und schöner Literatur in Folgendem:
1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit, dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur, welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche, die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.
2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.
3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut, während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen Büchern aufkommen lässt.
4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises, weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.