Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre. Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.
Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam, waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.
Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31. Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden hatten.
Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20. Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten. »Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R—e, in ihrem schäbigen baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind, und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise, mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni 1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger eröffnete.
[Kapitel XI.]
Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.
Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf meiner Reise aufrecht erhalten.«
Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14. Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt, teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte, fragte ich was es sei? — Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen. Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo ich nur ein Bett fand.
Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossen Kamin machen; unser ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein, und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen machten.«