Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab, dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm empfohlen so gut zu bewirten (denn ich hatte es für unschicklich gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt, nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«

Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann, der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«, schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier (Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«

»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women! pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch, und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen aus.«

Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt: »Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat, erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt, zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem Besatz von grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder. Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam, so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«

Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte, und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte. Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine präsentierte mich. — Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3 Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende des Saals begegnen sie sich, machen sich eine grosse Reverenz, und gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22. November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass, da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist. Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«, erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja; dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.« »Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«

»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schon mehr von mir gehört hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war. Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«

»Ich ging nachher, da ich so gut aufgenommen worden, noch mehreremale hin. Als ich vor meiner Abreise nach Portsmouth, im Frühjahr, zu meiner Einschiffung von der Königin Abschied nahm, fragte sie mich nochmals, ob ich mich nicht vor einer solchen schrecklichen Reise fürchtete; und als ich ihr antwortete, dass, da mein Mann wünschte, dass ich ihm folge, ich es mit Mut und Vergnügen thäte, weil ich glaubte, meine Pflicht zu erfüllen und versichert wäre, dass sie an meinem Platz das nämliche thun würde; so sagte sie mir: »Ja, wie man mir aber schreibt, so thun Sie die Reise ohne Vorwissen ihres Mannes.« Ich erwiederte: »Da sie eine deutsche Prinzessin wäre, so würde sie wohl wissen, dass ich ohne den Willen meines Mannes dieses nicht hätte unternehmen können, weil mir das Geld dazu gefehlt haben würde.« »Sie haben Recht«, sagte sie, »ich billige Ihren Entschluss und wünsche Ihnen alles nur ersinnliche Glück. Wie ist der Name ihres Schiffes? Ich werde mich oft nach Ihnen erkundigen, und bei Ihrer Zurückkunft, hoffe ich, werden Sie mich besuchen.« — Sie hat Wort gehalten und sich oft nach mir erkundigt und mich oft grüssen lassen.« —

Baronin Riedesel schiffte sich am 15. April 1777 an Bord eines Kauffarteischiffes ein, welches in Gemeinschaft mit einer Flotte von 30 Transportschiffen durch zwei Kriegsschiffe begleitet wurde. Sie kam nach einer ereignislosen Reise am 11. Juni in Quebec an. Nach einem Aufenthalt von nur einem halben Tage in Quebec reiste die unermüdliche Frau mit ihren drei kleinen Kindern auf schlechten Wegen und stürmischen Flüssen nach Chambly, wo sie schliesslich am 14. Juni ihren Gemahl fand. Sie konnten nur zwei glückliche Tage mit einander zubringen, weil die Armee im Vormarsch war, und die Baronin war genötigt nach Trois-Rivières zurückzukehren. Am 14. August traf sie indessen wieder bei der Armee ein, deren darauffolgendes Schicksal sie teilte. Ich will nur noch eins von ihren Abenteuern anführen, bevor ich zur Betrachtung der militärischen Operationen des braunschweigischen Kontingents zurückkehre:

Die Baronin war von Trois-Rivières aufgebrochen, um sich mit ihrem Manne in Fort Edward am Hudson zu vereinigen. Die Gesellschaft reiste in 2 Booten, von denen das eine mit dem Gepäck beladen war. Sie schreibt: »Die Nacht überfiel uns, und wir sahen uns genötigt, auf einer Insel zu landen. Das andere Fahrzeug, da es mehr beladen und nicht so gut bemannt war, hatte uns nicht folgen können; wir hatten daher weder Betten noch Licht, und was das Schlimmste war, nichts mehr zu essen; denn wir hatten weiter nichts auf unser Schiff mitgenommen, als was wir den Tag über zu gebrauchen dachten; wir fanden auf dieser Insel weiter nichts als die vier kahlen Wände eines verlassenen und nicht einmal ausgebauten Hauses, welches voller Gesträuche lag, das uns zum Nachtlager diente. Ich bedeckte es mit unsern Mänteln und nahm die Kissen von der Barke zu Hilfe, so dass wir recht gut schliefen.

Den Kapitän Willoe konnte ich nicht bewegen, in die Hütte mit hereinzukommen und sah ihn sehr unruhig, welches ich mir gar nicht erklären konnte. Mittlerweile bemerkte ich einen Soldaten, der einen Topf ans Feuer setzte. Ich fragte ihn, was er darinnen hätte? »Kartoffeln, die ich mir mitgenommen habe.« Ich blickte lüstern nach ihnen hin; er hatte nur so wenig, dass ich es grausam fand, ihn derselben zu berauben, besonders da er so glücklich dabei aussah. Endlich aber siegte doch die Begierde, meinen Kindern davon zu geben über meine Bescheidenheit; ich bat also und erhielt die Hälfte, welches höchstens ein Dutzend sein mochten; dazu holte er aus seiner Tasche zwei oder drei kleine Enden Licht, die mich sehr glücklich machten, weil die Kinder sich fürchteten im Finstern zu bleiben. Ich gab ihm für das Alles einen grossen Thaler, da war er ebenso glücklich als ich. Inzwischen hörte ich Kapitän Willoe Befehl geben, dass man um das Gebäude Feuer anzünden, und dass seine Leute die ganze Nacht um dasselbe die Runde gehen sollten. Auch hörte ich während der ganzen Nacht Lärm machen, welches mich ein wenig am Schlaf hinderte. Als ich am andern Morgen beim Frühstück, welches ich auf einem breiten Stein, der uns zum Tisch diente, einnahm, den Kapitän, der in der Barke geschlafen hatte, nach der Ursache des Lärmes fragte, so bekannte er mir, dass wir in grosser Gefahr gewesen, indem diese Insel l'Isle aux Sonnettes (die Klapperschlangeninsel) wäre, welche von den vielen darauf befindlichen Klapperschlangen den Namen hätte, dass er es nicht gewusst und sehr erschrocken sei, als er es erfahren, und wegen der Strömung es doch nicht habe wagen dürfen, in der Nacht weiter zu fahren. Es wäre ihm daher nichts anderes übrig geblieben, als grosse Feuer und viel Lärm zu machen, um die Schlangen zu erschrecken und dadurch abzuhalten. Er habe aber die ganze Nacht aus Besorgnis für uns kein Auge zuthun können. Ich war über diese Erzählung sehr erschrocken und liess ihm bemerken, dass wir unsere Gefahr dadurch noch vergrössert hätten, dass wir uns auf das Gesträuch gelegt, in welchem sich die Schlangen gern verbergen. Er gab mir Recht und sagte mir, dass, wenn er es eher gewusst, wo wir wären, er alles Gesträuch vorher würde haben wegnehmen lassen oder uns gebeten haben würde, lieber auch in der Barke zu bleiben. Er habe es aber erst von einem der Leute von unserm andern Fahrzeuge erfahren, das uns später nachgekommen war. Wir fanden am Morgen noch allenthalben Häute und Schleim von diesen garstigen Tieren und eilten daher, mit unserm Frühstück fertig zu werden.«