Die deutschen »Konventionisten« wurden in Baracken auf dem Winter Hill bei Cambridge, Massachusetts, untergebracht, die Engländer auf dem benachbarten Prospekt Hill. Diese Baracken waren von den Amerikanern zu ihrem eigenen Gebrauch während der Belagerung von Boston errichtet worden und waren von der leichtesten Bauart. Der Wind blies durch die Wände, der Regen sickerte durch das Dach, der Schnee lag in Haufen auf dem Fussboden. Holz und Stroh war nur sehr knapp vorhanden, und die Uniformen, die einen schweren Feldzug in der Wildnis hatten aushalten müssen, hingen in Fetzen an den frierenden Soldaten herunter. Sie schnitten die Schösse von ihren Röcken ab, um sich Flicken für die übrigen Kleidungsstücke davon zu machen. Selbst im Hospital war es bitter kalt. Hoffnung und Enttäuschungen erfüllten abwechselnd die Brust der Gefangenen, je nachdem die Verhandlungen wegen ihrer Rückkehr nach England wieder aufgenommen oder abgebrochen worden waren. Einmal während ihres dortigen Aufenthaltes kam die Hoffnung auf Befreiung, und es wurden von den Deutschen Vorbereitungen getroffen, die freundliche Flotte zu begrüssen, von den Amerikanern aber, ihre Gefangenen nach Quartieren mehr im Innern des Landes zu transportieren. Die grössten Leiden die vielleicht die Gefangenen auszustehen gehabt hatten, bestanden in der Eintönigkeit ihres Gefangenenlebens. Es gab nichts zu thun, denn ein wenig Exerzieren ohne Gewehre kann schwerlich eine Beschäftigung genannt werden. Wir erfahren aus den Journalen und Briefen der Offiziere die Folgen dieser Unthätigkeit. Es gab Streitigkeiten mit der amerikanischen Wacht-Besatzung. In dieser Hinsicht verhielten sich indessen die Deutschen etwas besser als die Engländer. Riedesels Sorgfalt, die Disziplin unter seinen Leuten aufrecht zu erhalten, hatte man bemerkt, und die Amerikaner machten es sich zur Gewohnheit jeden deutschen Delinquenten seinen eigenen Offizieren zur Bestrafung zu überantworten.
Die Lage der Soldaten, welche nicht in Burgoynes Uebergabe mit eingeschlossen waren, die Gefangenen von Bennington und der Gefechte nördlich Stillwater, war in mancher Hinsicht eine glücklichere. Diese begaben sich zum grösseren Teil in den Dienst Neu-Englischer Farmer. Vielen wurde auch erlaubt, das Lager auf dem Winter Hill zu besuchen, um die »Konventionisten« zum desertieren zu verleiten, wie die Deutschen sagen. Im Frühjahr als die Versuchung, hinaus aufs Land zu kommen, stark wurde, hielt es Riedesel für weise, die Pforte etwas zu öffnen und gab einigen Soldaten Erlaubnis auf den Farmen zu arbeiten, unter der Bedingung einmal in der Woche ins Lager zurückzukommen. Die deutschen Offiziere waren meist in den ungemütlichen Häusern in der Nähe des Hills oder in den Baracken selbst einquartiert. Die Generale hatten indessen gute Häuser in Cambridge. Niemand, ohne Ansehen des Ranges, durfte nach Boston kommen, Baronin Riedesel ging gelegentlich dorthin. Sie sagt, dass die Stadt sehr hübsch wäre, aber bewohnt von heissblütigen Patrioten und voll von gemeinem Volk. Frauen wollten sogar vor ihr ausspucken auf der Strasse. Grosses Verlangen trug die Baronin, Mrs. Carter, die Tochter von General Schuyler, zu besuchen. Diese Dame war sanft und gut wie ihre Eltern, aber ihr Mann, wie Frau von Riedesel meint, böse und falsch. »Sie kamen uns oft zu besuchen und assen auch bei uns mit den andern Generalen. Wir suchten ihnen auf alle Weise unsere Erkenntlichkeit zu bezeigen. Sie schienen auch viel Freundschaft für uns zu haben, und doch war es zur nämlichen Zeit, dass dieser garstige Carter, als General Howe viele Dörfer und kleine Städte angesteckt hatte, den Amerikanern den abscheulichen Vorschlag machte, unseren Generalen die Köpfe abzuhauen, diese in kleine Fässer einzusalzen und den Engländern für jedes angesteckte Dorf oder Städtchen ein solches Fässchen zu überschicken, welcher unmenschliche Vorschlag glücklicherweise nicht angenommen ward.«
»Am 3. Juni 1778 gab ich einen Ball nebst Souper zur Feier des Geburtstages meines Mannes. Ich hatte alle Generale und Offiziere dazu eingeladen. Auch die Carters waren mit dabei. General Burgoyne liess absagen, nachdem er uns bis 8 Uhr abends hatte warten lassen. Er entschuldigte sich immer unter verschiedenem Vorwande zu uns zu kommen, bis zu seiner Abreise nach England, wo er kam und mir grosse Entschuldigungen deshalb machte, worauf ich aber nichts weiter antwortete als, dass es mir würde leid gethan haben, wenn er sich unseretwegen geniert hätte.
»Man tanzte viel, und unser Koch hatte uns ein prächtiges Souper von mehr als 80 Kouverts zubereitet. Überdem war auch noch unser Hof und Garten erleuchtet. Da der Geburtstag des Königs von England Tages darauf als den 4. war, so wurde beschlossen, dass man sich nicht eher trennen wollte, bis man seine Gesundheit getrunken; welches auch mit der herzlichsten Anhänglichkeit an seine Person und sein Interesse ausgeführt wurde.«
»Nie, glaube ich, ist das 'God save the King' mit mehr Enthusiasmus und mit aufrichtigeren Gesinnungen gesungen worden. Sogar meine ältesten beiden kleinen Töchter waren mit dabei, die man heruntergeholt hatte, um die Illumination zu sehen. Alle Augen waren voll Thränen, und es schien, als wenn jeder darauf stolz war, den Mut zu haben, dieses so mitten unter den Feinden zu wagen. Sogar die Carters hatten nicht das Herz sich auszuschliessen. Als die Gesellschaft auseinanderging, sah man das ganze Haus umringt von Amerikanern, die, als sie so viel Leute hineingehen und die Illumination gesehen, den Verdacht geschöpft hatten, dass wir eine Empörung im Sinne hätten; und wenn der mindeste Lärm entstanden wäre, hätte uns dieses können teuer zu stehen kommen.«
»Die Amerikaner, wenn sie ihre Truppen versammeln wollen, setzen brennende Pechfackeln auf die Anhöhen, auf welches Signal Jeder herzueilet. Wir waren einmal Zeugen davon, als der General Howe eine Landung zu Boston versuchen wollte, um die gefangenen Truppen zu befreien. Man erfuhr dieses wie gewöhnlich längst voraus und steckte die Pechtonnen an, worauf man drei oder vier Tage nacheinander eine Menge Leute ohne Schuhe und Strümpfe und die Flinte auf dem Rücken eiligst herzulaufen sah, wodurch bald so viele Leute zusammenkamen, dass eine Landung zu schwer gefallen sein würde.«
Im November 1778 mussten die Braunschweiger die Umgegend von Boston verlassen, wo sie anfingen sich etwas heimisch zu fühlen, und zu dem langen Marsche nach Virginien aufbrechen. Frau von Riedesel begleitete auch hierhin ihren Gemahl; sie hatte eine bequeme englische Kutsche gefunden, in welcher sie die Reise unternehmen konnte. An einem der Orte, an welchem ein Rasttag gehalten wurde, traf sie mit General Lafayette zusammen, den ihr Mann zum Essen lud. Lafayette erzählte ihr viel von der Gnade, die der König von England für ihn gehabt, ihm alles zu zeigen. Die Baronin fragte ihn, wie er es hätte über das Herz bringen können, soviel Gnadenbezeugungen von dem Könige anzunehmen, da er doch im Begriff gewesen wäre abzureisen, um gegen ihn zu fechten. Der Marquis schien etwas beschämt zu sein und antwortete: »Es ist wahr, der Gedanke ging mir durch die Seele, sodass, als mir eines Tages der König anbot, mir seine Flotte zeigen zu lassen, ich erwiderte, dass ich hoffte, sie eines Tages zu sehen, und dann heimlich wegging, um aus der Verlegenheit zu kommen, es noch einmal ablehnen zu müssen.«
Frau von Riedesel hatte auf der Reise Gelegenheit, die Gesinnungen der Bewohner gegen die Gefangenen etwas zu beobachten. In einem Hause, wo sie übernachtete, bemerkte sie eine Menge Fleisch und bat die Wirtin, ihr etwas davon zu überlassen. »Ich habe vielerlei«, antwortete sie, »da ist Rindfleisch, Kalbfleisch und Hammelfleisch.« Der Mund wurde ihr schon wässrig. »Geben sie her«, sagte sie, »ich werde Sie gut bezahlen.« Die Wirtin schlug ihr hierauf ein Schnippchen fast unter der Nase. »Nichts sollt Ihr haben,« schrie sie, »warum seid Ihr aus Euerm Land gekommen, um uns tot zu machen und unser Hab' und Gut aufzuzehren? Nun seid Ihr unsere Gefangenen, so ist nun die Reihe an uns, Euch zu quälen.« »Seht diese armen Kinder,« antwortete die Baronin, »sie kommen fast um vor Hunger.« Die Frau blieb unerbittlich, bis Frau von Riedesels kleines, erst zweieinhalb Jahre altes Töchterchen ihre Hand ergriff und sagte: »Gute Frau, ich bin sehr hungrig.« Darauf nahm sie das Kind mit in die Stube und gab ihm ein Ei. »Nein,« sagte das Kind, »ich habe noch zwei Schwestern.« Das rührte die Frau, sie gab ihr drei Eier und bot der Mutter Brot und Milch an. Frau von Riedesel benutzte diese Gelegenheit, holte ihren Thee herbei, der damals etwas sehr Seltenes war und bot der Frau davon an. Die Baronin ging darauf in die Küche, wo sie deren Mann fand, der einen Schweineschwanz kaute. Diesen reichte er dann seiner Frau, die auch etwas daran kaute und ihn dann zurückgab. Da die Baronin diesem Schauspiel eifrig zusah (»mit Verwunderung und Ekel«), so reichte er ihr auch das beinahe ganz abgenagte Stück hin, und sie konnte nicht anders als es anzunehmen, that so, als ob sie davon ässe und praktizierte es dann sachte in das Feuer. Nun war völliger Friede geschlossen, und die Baronin Riedesel erhielt ihre Kartoffeln und machte eine gute Suppe davon.
Dies war nicht der einzige Fall, dass der Baronin und ihren Kindern die Verpflegung vorenthalten oder ihnen wegen der Unterkunft Schwierigkeiten gemacht wurden. Die Leute, bei denen sie wohnte, waren gewöhnlich heissblütige Revolutionäre. Ein anderes Mal hatte sie ihr Nachtquartier in dem Haus eines Oberst Howe, dem sie ein Kompliment zu sagen glaubte, indem sie ihn fragte, ob er ein Verwandter des englischen Generals jenes Namens wäre. »Gott behüte«, antwortete er, »der ist meiner nicht wert.« »Dieser selbige Oberst hatte eine hübsche Tochter, 14 Jahre alt, aber von böser Gemütsart,« sagt Frau von Riedesel. »Ich sass mit ihr vor einem guten Kaminfeuer, sie sah die glühenden Kohlen an und rief aus: »Ha, wenn ich den König von England hier hätte! Mit welchem Vergnügen schnitt ich ihm den Leib auf, riss sein Herz heraus, zerlegte es, briete es auf den Kohlen und verzehrte es dann.« Ich blickte sie mit Abscheu an und sagte ihr: »Ich schäme mich fast, von einem Geschlecht zu sein, das fähig ist, eine solche Lust zu bekommen.«
Mitte Januar 1779 erreichten die Deutschen Charlottesville in Virginia. Hier fanden sie keine Baracken vor und waren genötigt, sie sich selbst zu bauen. Bald war ein Dorf entstanden, und hier und in anderen Teilen von Virginia brachten sie den Rest ihrer Gefangenschaft zu. Für viele dauerte sie noch bis zum Ende des Krieges. Die Soldaten legten sich Gärten und Hühnerhöfe an. Die Offiziere kauften sich gute Reitpferde. In einer der Niederlassungen war von den englischen Soldaten ein kleines Theater gebaut worden, und es wurden Spottstücke aufgeführt, in welchem die Gefangenen über ihre Gewalthaber herzogen, bis man es für nötig hielt, der amerikanischen Miliz das Zusehen zu verbieten. General Riedesel kehrte im Herbst 1779 auf Ehrenwort nach New-York zurück und wurde bald darauf ausgewechselt. Seine Gesundheit hatte durch Überanstrengung, Niedergeschlagenheit und einen leichten Sonnenstich, der ihn in Virginia traf, stark gelitten. Nachdem er ausgewechselt worden war, kehrte er nach Kanada zurück und blieb im Dienst des Königs von England bis zum Ende des Krieges, aber er zog nicht wieder gegen die Amerikaner zu Felde.