Nur wenige Offiziere in Gates Armee trugen Uniformen, und diese wenigen trugen sie nach ihrer eigenen Fantasie, von irgend welchem Tuch, das ihnen in die Hände kam. Grosse und kleine Perrücken, schwarze, weisse und graue zierten oder verunzierten ihre Köpfe. Einige von ihnen sahen aus, als trügen sie ein ganzes Schaf auf ihren Schultern. Diese grossen Perrücken flössten, unserem Braunschweiger zufolge, dem gewöhnlichen Volk grosse Ehrfurcht ein. Unter den Trägern dieser Perrücken waren viele 50 bis 60 Jahre alt, und nunmehr zum ersten Mal in Reihe und Glied, zwar etwas schwerfällig ihrer Erscheinung nach, aber durchaus eifrig, ohne sich zu vernachlässigen, besonders in den Wäldern. »In vollkommenem Ernst,« sagt der deutsche Offizier, »diese ganze Nation hat viel natürliche Beanlagung zum Krieg und Soldatenleben.«
Als die Truppen, die sich ergeben hatten, durch die Reihen der Amerikaner schritten, zeigte ihnen nicht ein Mann von der siegreichen Armee seine Missachtung oder verhöhnte sie wegen ihres Missgeschickes. Die Deutschen bezeugen insgesamt, dass Offiziere sowohl wie Soldaten sie mit Güte und Wohlwollen behandelten. General Gates lud alle höheren Offiziere in sein Zelt ein und behielt die Generäle zum Mittagessen zurück. Schuyler erwies Frau von Riedesel besondere Artigkeit. Er kam ihr entgegen, als sie in das Lager kam, hob ihre Kinder aus dem Wagen, küsste sie und half ihr aus dem Wagen aussteigen. Nach wenigen ermutigenden Worten führte er sie zu General Gates, mit dem sie Burgoyne zusammen stehen sah, der anscheinend auf ganz freundschaftlichem Fuss mit ihm stand. Er sagte zu ihr, dass sie keine Angst haben sollte, denn ihre Leiden hätten nun ein Ende. »Ich antwortete,« schreibt die Baronin, »ich würde freilich Unrecht haben, noch Besorgnisse zu haben, wenn unser Chef keine mehr hätte und ich ihn auf einem so guten Fuss mit General Gates sähe.«
Schuyler hatte Frau von Riedesel und ihren Kindern in seinem eigenen Zelt ein Mittagessen auftragen lassen (»geräucherte Zunge, Beefsteak, Kartoffeln, gute Butter und Brod«), und sie verbrachte drei Tage mit seiner Familie in Albany, wo sie mit der grössten Freundlichkeit behandelt wurde. Burgoyne war auch Schuylers Gast in Albany. Er machte Entschuldigungen dem letzteren gegenüber, dass er ihm sein Haus und seine Scheunen in Saratoga verbrannt hätte. »Das ist das Schicksal des Krieges«, erwiderte der brave Mann, »lassen Sie uns davon nicht weiter reden.«
Die Gefangenen oder »Konventionisten«, wie sie sich nannten, traten nun ihren Marsch durch Massachusetts hindurch an. Das Wetter war kalt und die Wege schlecht. Der Marsch dauerte vom 17. Oktober bis zum 7. November. An einigen Orten weigerten sich die Einwohner, die Gefangenen in ihre Häuser aufzunehmen, und an andern Orten, wo es nötig war Halt zu machen, waren nicht Häuser genug, um sie zu beherbergen. Die Einwohner ihrerseits beklagten sich, dass die durchmarschierenden Gefangenen ihre Gelände verbrannten, ihr Viehfutter unbrauchbar machten und Kleider und Möbel aus ihren Häusern stahlen. Von allen Seiten strömte das Landvolk zusammen, um die Gefangenen zu sehen und man drängte sich in die Häuser, wo sie einquartiert waren, bis die Offiziere anfingen zu argwöhnen, dass die Hauswirte Geld für dieses Schauspiel nähmen.
Auf diese Weise sahen die Deutschen viel von der weiblichen Landbevölkerung, und derselbe Offizier, der die obenerwähnte Beschreibung der amerikanischen Soldaten verfasst hat, hat uns die ersten Eindrücke von Neu-Englands Frauen auf ihn hinterlassen.
»Die Frauen in allen Gegenden von Boston bis New-York sind schlank und gerade gewachsen, wohlgenährt ohne plump zu sein. Sie haben hübsche, kleine Füsse, gute, kräftige Hände und Arme, eine sehr weisse Haut und eine sehr gesunde Gesichtsfarbe, sodass sie sich nicht zu malen brauchen. Kaum eine von denen, die ich gesehen habe, hatte Pockennarben auf dem Gesicht; denn das Impfen ist hier schon seit vielen Jahren gebräuchlich. Ihre Zähne sind sehr weiss, ihre Lippen schön und ihre Augen lebhaft und lachend. Obendrein haben sie natürliche und ungezwungene Manieren, eine freie und fröhliche Miene, eine natürliche Sicherheit im Auftreten. Sie geben viel auf Reinlichkeit und gutes Schuhwerk. Sie ziehen sich sehr hübsch an, aber ihre Kleider müssen sehr eng anliegen..... Sie locken ihr Haar jeden Tag, machen es von hinten zu einem Chignon zurecht und vorn über ein Kissen von mässiger Höhe. Gewöhnlich gehen sie barhäuptig aus, oder setzen höchstens ein kleines herzförmiges Ding oder irgend eine derartige Kleinigkeit auf ihren Kopf. Hier und da lässt eine Land-Nymphe ihr Haar fliegen und schmückt es mit einem Band. Obschon die Hütte, in der sie leben, ärmlich sein mag, so tragen sie doch einen seidenen Mantel und Handschuh, wenn sie ausgehen. Sie wissen sich sehr hübsch in den Mantel zu hüllen, so dass ein kleiner, weisser Ellbogen daraus hervorguckt. Dann tragen sie eine Art gut gearbeiteten Krempenhut, unter welchem sie mit ihren schelmischen Augen kokett hervorsehen. In den englischen Kolonien haben die Schönen eine Vorliebe für Mäntel von roter Seide oder Wolle. In dieser Art gekleidet, läuft, springt und tanzt das junge Mädchen umher, wünscht Ihnen einen »Guten Morgen« oder giebt, der Frage entsprechend, eine schnippische Antwort. So standen sie zu Dutzenden den ganzen Weg entlang, liessen uns Revue passieren, lachten mokant über uns oder liessen von Zeit zu Zeit eine boshafte Bemerkung fallen und händigten uns einen Apfel ein. Wir dachten erst, dass es Mädchen aus der Stadt wären oder wenigstens von der zweiten Klasse, aber keineswegs! Sie waren die Töchter von armen Bauern, die man an ihrer Kleidung als arme Bauern erkennen konnte.«
Der Offizier fährt mit seinen sozialen Beobachtungen fort. Es scheint, dass in ganz Amerika die Männer den Frauen völlig unterthan sind. Die letzteren gebrauchen ihre Gewalt in Kanada zum Besten der Männer, in New-England aber zu ihrem Ruin. Die Frauen sind extravagant. Wie sie es fertig bekommen, den Männern so schwer zur Last zu fallen, ist unserm guten Deutschen ein Rätsel, da er sieht, dass sie weder kratzen, noch beissen, noch Ohnmachtsanfälle bekommen. Bei all diesem setzten sie ihre Hoffnung auf die britische Krone. Die Frauen tragen jetzt ihren Sonntagsstaat an den Wochentagen. Wenn es abgetragen ist, wird Friede mit Grossbritannien gemacht sein, um dann neu mit allem versorgt zu werden.
Wir kommen nun zu den Negern. Diese findet man auf den meisten Farmen westlich von Springfield. Die schwarze Familie lebt in einem kleinen Hinterhaus. »Die Neger sind sehr fruchtbar hier, wie das übrige Vieh. Die Jüngeren werden sehr gut gefüttert, besonders während sie noch Kälber sind. Überdies ist die Sklaverei sehr erträglich. Der Neger wird als der Knecht des Bauern angesehen; die Negerin thut die ganze grobe Hausarbeit; und die schwarzen Kinder warten die weissen Kinder. Der Neger kann für seinen Herrn zu Felde ziehen, und so sieht man nicht ein Regiment, in welchem sich nicht eine grosse Anzahl Schwarzer befindet; und es giebt gutgewachsene, starke und stämmige Burschen unter ihnen. Es sind auch viele Familien freier Schwarzer hier, die gute Häuser inne haben, Mittel besitzen und ganz nach Art der andern Bewohner leben. Es sieht komisch genug aus, wenn Miss Negerin ihr wolliges Haar über ein Kissen zurechtfrisiert, einen kleinen Hut mit Krempe auf den Kopf setzt, sich in ihren Mantel hüllt und in diesem Putz die Strasse entlanggrätschelt mit einer Negersklavin, die hinter ihr herwatschelt.«
Baronin Riedesel machte ihre ersten Beobachtungen über die Amerikaner. Sie erzählt, dass eines Nachts ihr Mann krank war, und dass die Wache vor seiner Thür trank und Lärm machte. Er schickte hinaus und liess sie bitten ruhig zu sein, worauf sie ihren Lärm noch verdoppelten. Frau von Riedesel ging darauf hinaus, sagte ihnen, dass ihr Mann krank sei und bat sie, sie möchten weniger Geräusch machen. Darauf waren sie sofort ruhig, »ein Beweis«, sagt die Baronin, »das diese Nation auch Achtung vor unserm Geschlecht hat.« Die Bürger-Offiziere waren den Deutschen ein fortwährendes Rätsel. Keine Geschichte war ihnen zu aussergewöhnlich, um sie zu glauben. »Ihre Generale, die uns begleiteten, waren zum Teil vom Schuster-Handwerk und machten an den Rasttagen Stiefel für unsere Offiziere, besserten auch wohl die Schuhe unserer Soldaten aus. Sie setzten einen grossen Wert auf das gemünzte Geld, welches bei ihnen selten war. Einem unserer Offiziere waren seine Stiefel ganz zerrissen. Er sah, dass ein amerikanischer General ein gutes Paar anhatte und sagte ihm zum Spass: »Ich gäbe ihm gern eine Guinee dafür.« Gleich stieg der General vom Pferde, nahm die Guinee, gab seine Stiefeln, und setzte sich mit des Offiziers zerrissenen Stiefeln wieder auf.« General von Riedesels Gemütsstimmung zu jener Zeit war durch mangelhafte Gesundheit und sein Missgeschick verbittert. Wir müssen dies berücksichtigen, wenn wir sein Urteil hören, welches er über die Amerikaner fällt. Allerdings es wird erwähnt, er habe gesagt, dass er nur einen amerikanischen Offizier in Cambridge getroffen, vor dem er Respekt gehabt habe. Von den Mitgliedern des General Court of Massachusetts macht er eine merkwürdige Schilderung. »Man sieht in diesen Männern genau den National-Charakter der Eingeborenen von Neu-England; vornehmlich zeichnen sie sich vor andern durch die Art sich zu kleiden aus. So behaupten sie alle unter einer überaus dicken, runden, gelblichen Stutzperrücke eine recht ehrenhafte Magistratsmiene. Ihre Kleider sind nach der ganz alten englischen Mode, darüber sie im Winter und Sommer einen blauen Roquelaure mit Ärmeln tragen, den sie mit einem ledernen Riemen fest um den Leib schnallen. Selten sieht man einen ohne Peitsche. Meistens sind sie alle untersetzter Natur und mittelmässig gross, sodass es schwer fällt, einen vom andern zu unterscheiden, wenn sie als Delegaten ihrer Townships zu dem Konsul von Boston gefordert werden, oder in Miliz-Angelegenheiten erscheinen müssen. Nicht der zehnte Teil von ihnen kann geschriebene Schrift lesen und noch weniger können sie schreiben. Diese Kunst ist ausser bei Leuten von der Feder nur allein bei dem weiblichen Geschlecht anzutreffen, welches überhaupt gut erzogen wird und daher die Herrschaft über die Männer mehr als eine andere Nation in der Welt zu behaupten weiss. Die Neu-Engländer wollen alle Politici sein, lieben daher die Tavernen und Grog-bowl, bei welchen sie ihre Geschäfte abthun, und vom Morgen bis in die Nacht trinken. Sie sind im allerhöchsten Grad neugierig, leichtgläubig und bis zur Raserei für die Freiheit eingenommen, dabei aber auch zugleich so blind, dass ihnen das schwere Joch der Sklaverei unter ihrem Kongress, worunter sie eigentlich schon jetzt zu sinken anfangen, bisher noch ganz unsichtbar geblieben ist.«
Auf der andern Seite konnten die Amerikaner, wenn wir dem oben erwähnten braunschweigischen Offizier glauben wollen, nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Gefangenen verstehen. »Es war den Bewohnern schwer begreiflich zu machen,« sagt er, »dass unsere Offiziere kein Gewerbe trieben.« Sie hatten geglaubt, dass es Eigensinn von ihnen wäre, keine andere Beschäftigung zu haben.