Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften, und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat das Erscheinen der Streifung gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück.

„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es devot von den Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine tödliche Ohrfeige“ darüber berichtet wurde.

Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.

„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen.

„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt klingt das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.

„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?“ Die Erkannte wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: „Das ist also Ihre Braut?“

Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er verleugnet seine Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so zärtlich schien, sehr fuchtig:

„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein Wink des Beamten beendet den Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung in „Direktor Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet werden.

Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet, der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter!

„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das Schweigen.