Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar schlechteste Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten sie z. B. den Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und auf einen Tisch inmitten der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph posaunte nicht — wie es die anderen Phonographen tun — seine ganze Weisheit durch einen Schalltrichter in die Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne Gummischläuche den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den anderen Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts hören, und blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden Auserwählten, deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten und deren Körper und Füße in irgend einem Marschtakte zuckten. Ebenso unerklärlich war es den Leuten, warum der Mensch, der sich wieder an einer anderen Stelle des Weihnachtsmarktes in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen und krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der Elektrisiermaschine nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph hat sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort heuer nicht mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine sucht nur noch in den Nachtlokalen der unteren Zehntausend ihren Erwerb.
Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten Wunder der Technik seien vertreten. Wenn man nämlich den hochtrabenden Worten des Ausrufers vor dem „Mechanischen Theater“ Glauben schenken würde, der im nördlichsten Teile der Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei Ringelspiele, der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn man den Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“ folgt, dann ist es mit dem Glauben an irgend eine maschinelle Vorführung gründlich vorbei. Man sieht ein großes Kinderspielzeug, das wohl irgend ein invalider Bergmann in seinen Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im Hintergrunde versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische Kraft bewegen sich die Männchen — die „Panaken“, wie man in Prag sagt. Bergleute mit Hunten fahren im Schachte auf und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben bewegt sich der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann der nach allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut unmöglicher Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen. Auf beiden Seiten des Budeninnern steht je eine Kulisse. Die eine stellt einen Seesturm, die andere eine Karawane dar, und so vervollständigen sie beide die Illusionen, daß man sich in einem Bergwerk befinde.
In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt wie weiland zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man feilhält, sind so ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte halten könnte. Während längst andere Städte ihren Lunapark haben, in dem alle Errungenschaften des Maschinenbaues zu irrsinnigen menschlichen Vergnügungen ausgeschrotet sind, gibts auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen droht, läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung — das Prager Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln die „Planeten“ ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen und — allerdings entrichtet man hiefür eine erhöhte Taxe — mit dem Bilde des Zukünftigen. Während anderswo die Hygiene ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt hier der Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von den schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier. Auch „Niko Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen Gesicht und der Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem „Sultansbrot“ und „türkischen Honig“. Unten, an der Niklasstraße schon, feiert Kasperl, der von Gottsched feierlich von der Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem Hündchen herrliche Triumphe.
Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus. Die anderen Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung im Nusler Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde in Bubentsch, das Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest auf dem Josefsplatz und das „Ordens“-Fest im Stern sind teils abgeschafft, teils bedeutend restringiert worden. Nur der Nikolo- und Weihnachtsmarkt, gerade das Fest im Innern der Stadt, ist in der alten Form erhalten geblieben, und steht jetzt ohne Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der Tradition huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben — der Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen in bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem Holz gezimmerte Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener Leinwand sind. Aus allen Vorstädten kommen die Menschen und drängen sich hier, die Handwerksleute mit Weib und Kind, die bekannten Prager Lebeknaben aus den Kolonialwarengeschäften und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel, Ladenmamsells, Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in Tanzlokalen der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die Liebe sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige Jüngling nähert sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder er schleudert, wenn eine Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom vorbeikommt, ihr seinen Papierball, dessen Gummischnur er in der Hand hält, als schüchternen Annäherungsversuch wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit quietschendem Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte Aufmerksamkeit geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem Aufmunterung, Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal liegt.
Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde
Auf meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue Jahrzehnt hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige Beichte diesen Alp von meiner Seele abwälzen. Meinem Gedächtnis, dem vielleicht einzelne Phasen des Verbrechens entschwunden oder verwischt sein könnten, kann ich ja leicht nachhelfen. Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek in den gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen. Darin steht die reine Wahrheit.
Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden Beispiel für künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der Vorfall ein bedeutsamer, und ich glaube: Über den Prager Fenstersturz, der den dreißigjährigen Krieg einleitete, wurde nicht so ausführlich berichtet, wie über meinen Hinauswurf aus dem Altstädter Rathause.
Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals im Prager Rathause skandalös benommen habe. Und darf man sich denn im Prager Rathaus skandalös benehmen? Hat man überhaupt schon gehört, daß sich jemand im Prager Rathause skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich unbedingt zugeben, daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht hinausgeworfen, sondern man hat mich durch den Stadtverordneten Březnowsky hinausexpedieren lassen.
Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, obwohl er sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung beschäftigt. Er hat es nicht getan, weil ich es nicht verdiente. Habe ich mich denn nicht, laut Bericht des „Hlas Národa“, das einem alttschechischen Stadtverordneten gehört und dem daher in Rathauskreisen eine gewisse Authentizität zukommt, „sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“ so heißt es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 u. a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem Ausrufe ‚Ich werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er blitzesschnell die Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: Ich habe einem unserer Stadtväter einen Stoß versetzt, und die ehrwürdige Ratsstube eine Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich eigentlich nicht geklagt worden! Wie übel wäre es mir doch ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen, denn auch das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in aufgeregtem Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich Diebstähle (die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten Artikel) aus dem Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß gegen den Stadtverordneten Vanha registriert das Rathausorgan, und weiß sogar das interessante Detail hinzuzufügen, daß ich den Stoß mit der Faust versetzt habe.