Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem Mantel der Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein Bericht sonst an Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Er schreibt u. a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied der „Bohemia“ „buršák“ Kisch ein, der durch seine Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es wurde ihm gesagt, daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des Kollegiums das Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches alles, was aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner hinzu und führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, drohte und lehnte sich auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als zu suchen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hatte.“ Im weiteren Verlaufe des ausführlichen Berichtes registriert das genannte Blatt die Tatsache, daß nach meiner angedrohten Enthüllung über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem auf den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So?

Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ durch Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber doch in seinem Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen Blätter, schrieb Georg Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter war, man habe die Stiefel hinausgetragen, in denen ich steckte.

Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere sterben, ein Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine Erklärung: Er heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit mir identisch. Ich kann dies vollinhaltlich bestätigen, und um auch den Rest jeden Verdachtes von dem Herrn abzuwenden, erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich überhaupt nicht mit ihm verwandt bin. Auf Ehrenwort.

Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner schämte. Der „Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie kann nichts für ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon Kisch, Redakteur der „Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, mein Neffe, und ich bin überhaupt nicht mit ihm verwandt. Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II, Zderasgasse.“ Der „Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende Erklärung am nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann ein Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, wieso gerade das klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus ein verrufenes sei.

Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und die Abgeordneten sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, daß man sich auch unanständig benehmen könne.

Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung bringt, reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei passierte dem Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen dieser Zeitschrift gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in ein falsches Fach gegriffen haben, und — wie es der Zufall oft will — es war wirklich mein Bild, das er erwischte und das ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte, daß ich ein sehr mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser Photographie bin ich „bitte, recht freundlich“.

Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in der Nation gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, aus der ich cum infamia exkludiert worden war, erschien ein ausführlicher Bericht in den deutschen Blättern. Mit bangem Grausen, von grenzenlosem Entsetzen gepackt, richtet der „Čech“ an die Nation am 12. November die Gewissensfrage: „Wer hat wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten Kisch mitgeteilt, was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und weiter: „Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen ...“

Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese „verdächtigen Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die Berichte über das Rathaus erscheinen in den deutschen Blättern auch weiter mit gebührender Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden Folgen war also mein Ausflug aus dem Rathaus für mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen Rippenstoß versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! Peccavi.

Prager Ziehung