Im Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen, die auf den Pawlatschen und in den Waschküchen, auf dem Markte und in den Fabriken, bei den Planetenziehern und bei den Kartenlegerinnen, in und vor den Kollekturen in gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der Mystik zum Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist vielleicht der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des Einzelempfindens eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt momentaner Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen, sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von einander grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind da, in deren Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise bekannt war, daß es irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind schwer zu unterscheiden — das Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung verwischt, die Einleitungskapitel ihrer Lebensromane sind mit freiem Auge nicht lesbar. Aber die laufenden Kapitel, die ihres gegenwärtigen Seins, stehen deutlich in ihrer Anwesenheit, ihren Blicken, ihren Gesten, ihren Worten, ihren Ausrufen geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine quälende Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn, aller dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln beschränkt sich auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen, auf das Auslegen von Spielkarten, Träumen, Erscheinungen und Ereignissen, und auf deren Transponierung in Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr Erscheinen bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen heißen Terno und Ambo, Nominate und Extratto.
Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre, der Schauplatz einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen Sammelkanal für jene Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen, die sich unfruchtbar müht, die wirren und unzusammenhängenden Traumgebilde mit nüchternen Ziffern und Zahlen auszudrücken, die unklaren Wünsche und unklar ersehnten Schicksale ziffermäßig zu werten, und die exakteste und klarste Wissenschaft, die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und das Münzamt beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht. Alle vierzehn Tage — immer am Mittwoch — findet hier die „Prager Ziehung“ statt, auf deren Ergebnis tausende und abertausende aus allen Teilen des Reiches mit hoffender Zuversicht harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind gewissermaßen eine Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab an den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei sein können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung kommen, das sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche Kontrolle kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes in diesem Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen, die alles von dem Moment der Ziehung erwarten und es nicht erwarten können, bis die Kollektanten die fünf blauen Ziffern an ihren Läden affichieren.
Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um halb 2 Uhr nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im Hofe debattierende Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da, Burschen, denen man ansieht, daß sich der Großteil ihres Tagewerkes auf die Pflege ihrer „šístky“, ihrer Sechserlocken, erstreckt, dann die Typen der Prager Straßen, Bettler und Hausierer, Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute halten hier Dienst.
Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden zwar ernst und sachlich geführt, aber es kann eine Einigung nicht erzielt werden, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß weder Unterausschüsse noch Referentenkomitees eingesetzt werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der Frage beherrscht, ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine der beiden tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die Ansicht des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt und Frau Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der Nacht von Sonntag auf Montag den gleichen Traum gehabt: der Markthelfer Jaro Krejsa sei arretiert worden. Kaum hatte sich in den Kreisen der Halledamen das Gerücht von dieser Duplizität der Träume herumgesprochen, als die Polizei wirklich den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls verhaftete. 79 oder 88, das ist hier die Frage.
Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen. Aber es handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen, sondern um mathematisch-kabbalistisch-astrologische Berechnungen höheren Grades. Das Traumbuch, das — so sagt das Titelblatt — „von Madame Lenormand nach besten Quellen und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester und persischer Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen die Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage bilden die Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn, Wien, Innsbruck, Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten. Das sind die Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln jene Lotteriespieler, die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die sich von den an den Kollekturen ausgehängten Marginalenummern, den sogenannten „trhačky“ (Abreißzetteln), einen beliebigen auswählen oder gar sich willenlos der Prophezeiung des Kollektanten unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern setzen, die auf einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als besonders empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt werden.
Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder von einer Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist. Nicht bloß, weil sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem Saaleingang führen, sondern weil sie alle die Manipulationen und Berechnungen als hellen Unsinn erkennen.
„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem Lächeln ein Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört hat, „sie glauben, daß man die Einer der bei der letzten Ziehung herausgekommenen Zahlen zur ersten Ziffer addieren muß. Subtrahieren muß man sie.“
Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die anderen auf Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser Turfausdruck „Na Ruf“ und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an eine bestimmte Stelle, z. B. als dritte, gezogen und ausgerufen werden muß. Sie können sich diese Vorausbestimmung schon leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen müssen sie ja gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln über die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte, warum sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie sich unmittelbar an der Türe anstellten, dann würden sie wohl die Antwort schuldig bleiben.
Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge. Alles drängt sich zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im Innern des Saales der Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt die Türe auf und alles strömt in den Ziehungssaal.
Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten, Acht an der Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht Meter langen Barriere, welche den für das Publikum reservierten Raum der Breite nach abgrenzt, einen Kordon. Reelle Geschäfte pflegen im allgemeinen polizeilichen Schutzes nicht zu bedürfen. Aber das macht die Leute nicht stutzig, die sich durch die Türe aus dem Hofe in den Saal ergießen.