Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung, durch die sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die Distanz wird gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium ist ein etwa zwei Meter breiter Zwischenraum und längs des Podiums zieht sich neuerlich ein Geländer.
Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung allerhand strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an sich ein so lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner Durchführung einer Düpierung des Publikums oder gar eines Schwindels bedarf. Als noch das alte Lottoamt bestand, war das Podium sehr erhöht und das Publikum konnte den Beamten nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge Verdächtigungen.
„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt er auf den Tisch und seine eigenen Nummern gibt er in die Kapseln!“
Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat laut, der oben am Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt! Die bejahrten Kundschaften Frau Fortunas wissen davon sehr viel übles zu berichten. Damals war noch der „langnasige Hausmeister“. War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte, dann kamen die kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal drehte, die großen.
Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte Lausbuben. Die hatten die Nummern schon im Gefühl und wer sie am besten bezahlte, dem taten sie den Gefallen und zogen sein Terno.
Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel. Früher bildeten nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere. Wenn nun die Herren vom Lottoamt wollten, dann bestellten sie sich die Jäger, die kleinen Soldaten. Natürlich wurden dann immer die kleinen Nummern gezogen. Aber wenn man die Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man die größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann, daß diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen mögen. War es da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen mit unverhohlenem Unwillen empfing, wenn man gerade die kleinen Nummern gesetzt hatte?
Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr, sondern Wachleute, der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener mit einer indifferenten Nase gewichen und das Podium ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig auf die Finger schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei Beamte. Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden anderen sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur ihr Profil. Einer von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der die Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt die erste Nummer und reicht sie einem vierten Beamten, dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum Publikum gekehrt — bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den Zettel zunächst dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit ostentativ scharfen Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den Zettel dem in der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet dabei laut:
„Jedna — Eins.“
Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt dann den Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese Hülse schraubt er mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie dann in das zu seiner Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände aus Glas sind und so den kritischen und mißtrauischen Beobachtern den Einblick in das Innere gewähren. Glück und Glas.
Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen Ziffern werden von den Stammgästen mit allerhand Glossen und Reminiszenzen begleitet. Jeder der Beteiligten konstatiert mit Befriedigung, daß auch seine Nummer der Glastrommel einverleibt wurde: Der erste Schritt zum Terno ist getan. Manche stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das Glücksrad geworfen wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen 79 und 88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa besondere Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des Interesses stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt. Der Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends ab, was sich von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten läßt. Im Gegenteil. Sie steigt mit der Höhe der verkündeten Ziffern.