„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky.
Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus und das Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt einen Riemen um den Messingmantel des Glücksrades. Einer der beiden Waisenknaben, die bislang unbeachtet in einer Ecke des Podiums saßen, steigt auf den Stuhl, der zwischen dem Rat und dem Rad steht. Auf einen Wink des Finanzrates beginnt der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen. Einigemale nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und hopsen lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich an sie ein verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten knüpfe. Und wieder ein Wink des Finanzrates. Es klingelt, und das Rad steht still. Ein Fensterchen in der Messingwand des Glücksrades wird geöffnet. Der Waisenknabe streckt seinen rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel seines grauen Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes angezogen hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd hinaufgeschlagen, so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger der Hand von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu.
„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und was er für zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“
Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas Rad versenkt, eines der hölzernen Futterale herausgezogen und es einem Mitgliede des Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse auseinanderschraubt, den Papierstreifen herausnimmt, entfaltet, betrachtet und dann seinen Kollegen reicht. Einer von diesen schreibt die gezogene Nummer ins Protokoll und der Assistent ruft in tschechischer und deutscher Sprache in die atemlose Stille hinein:
„Erster Ausruf: Vier.“
Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens. Von den verehrten Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand gesetzt, wie sich aus den Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen der Bestürzung erkennen läßt. Ein Marktweib findet die Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer gezogen wurde:
„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“
Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV der Polizeidirektion, das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen fällt es von der Leute Augen. Daß man daran gar nicht gedacht habe! Jaros Verhaftung hatte weder 79, noch 88 zu bedeuten, sondern 4. Natürlich!
„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“ An diese Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern. Aber die alten Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines besseren.
„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist, dann kommen lauter kleine Nummern.“