Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den gezogenen Zettel in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann von der Podskaler Wasserkante hat ihn erhascht und diesen Talisman eingesteckt. Das nächstemal wird er auf „vier“ setzen.
Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird die Ziffer „81“ gezogen, was nicht ganz dem prophetischen Ausspruche entspricht, daß heute nur kleine Nummern gezogen würden. Aber auf dieses Nichteintreffen der Prophezeihung ist die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die sich nach jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums und in dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das einzige, was Frau Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn beschert ... Der Verkündung der letzten Nummer ist ein besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner der Harrenden hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern, welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei gezogene Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern des Ambosolos bedeuten einen Gewinn. Was nützt es, wenn jenem Burschen die Ziffern eines Extratos in verkehrter Reihenfolge herausgekommen sind? Mit Unwillen werden die Marginalzettel, diese Dokumente trügerischer Träume und falscher Deutungen, in kleine Stücke zerrissen.
„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den Waisenknaben an, den sie vorher nicht genug zu loben wußte, und der sich jetzt mit knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock statt des ärmellosen Amtskittels anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl, den Wechselbalg. Seht Ihr die Diebsfinger? Zum Stehlen, da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott weiß, wer sein Vater war!“
Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die Kollektanten eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten Ziffern auszuhängen, welche heute ausgelost worden sind. Noch früher aber als die Kollektanten sind in deren Geschäften die Leute, die jetzt ihr Glück den blauen Ziffern von Brünn anvertrauen. Die Hyperklugen aber eilen in besondere Kollekturen, in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse, auf dem Petersplatz und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen der Wiener Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und auf die grünen von Graz setzen kann.
Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen, trotz aller ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch-kryptographisch-arithmetischen Kombinationen. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht.
Die Irren
Sie gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, sie stehen in Gruppen beisammen oder schauen aus den Fenstern in den beschneiten Garten hinunter, den fünf Gassen der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine raucht eine Zigarette, ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die Zigarre im Mund. Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite einen schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen Straßenanzug. Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im offenen Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach — brillante Spieler, sagt der Arzt.
Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen Patienten. Das Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen Rapport eines Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und fein säuberlich mit Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht den Akt mit dem Polizeirapport, der Überreicher steht wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt der Arzt französisch zu mir.
Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig gekleidet, und hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. Er geht weg, und der Arzt sagt zu mir: „Der Mann hat vor einigen Jahren einen Prager Stadtverordneten aus Rache auf der Straße erschossen. Das Verfahren wurde eingestellt, da sich herausstellte, daß der Mörder unzurechnungsfähig war. Jetzt versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die Übersetzung des tschechischen Polizeirapports und die Übertragung auf der Schreibmaschine hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an den Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt zu sein, hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, und schließlich war sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, daß er dem Feinde auflauerte und ihn erschoß. Und jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich und innerlich so ausgeglichen aus.