Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir geläufig. Er hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben Prags regen Anteil genommen. Er spricht mit meinem Begleiter.

„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung gelangt, daß Ihre Diagnose falsch ist?“

Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der Jurist als Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist hierher gebracht worden, weil er in Intervallen von etwa zwei Jahren gefährliche Anfälle bekommt; er ist überzeugt, daß er mit Unrecht in der Irrenanstalt zurückgehalten wird:

„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage nicht mehr gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn ins Irrenhaus sperren.“

Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von englischem Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge trägt er eine schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin erschossen und sich selbst durch einen Revolverschuß ins Auge verletzt. Sein Vater ist Rektor in einer Stadt in Deutschland; er will von dem entarteten Sohn nichts wissen. Der junge Mann ist der Freund des internierten Doktors. Die beiden Geisteskranken sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das die größte Anspannung geistiger Kräfte verlangt.

Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, der früher Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr stand, liegt mir eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er einem der klinischen Ärzte eingehändigt hat und die seine Stimmung in der Irrenanstalt schildern. Aus einem Sonettenzyklus „Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier veröffentlicht:

„Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen

Noch einmal, da sie lange schon gestorben,

So wie die grüne Frucht, die früh verdorben

Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.