Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“
Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine Mutter töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen konnte. Man denkt wieder an Lombroso: Genio e follia.
Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. Drüben in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes Mädel beim Fenster, und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche Institut. Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber die Kleine ist schnippisch; es ist eine äußerliche Keckheit, die innere Zagheit und Schwäche verbergen will. Das Mädchen will mir seine Zeichnung nicht zeigen.
„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es.
Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke es her. Es ist mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik ist darin zu sehen, und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. Das Mädchen befaßt sich viel mit Kunstgeschichte: früher war Manes, jetzt ist Aleš ihr Lieblingsmaler. Die junge Malerin ist früher Köchin gewesen; der Tadel über eine mißlungene Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief ihrer Herrschaft, wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die Wälder der Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu essen oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie fand. Jetzt sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder auf den Gang hinaus.
„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an.
Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor.
„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium zusammengestellt. Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen Dreier zu meinem Namen. Na, wir werden ja sehen, wie’s gehen wird.“
Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen wirklichen Namen rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist dem Armen zu Kopf gestiegen.
Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient kommt auf uns zu, und bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen zu dürfen. Und nun spricht er den Puppenspieler-Faust, die Stimme variierend, wenn neue Personen auftreten. Er erzählt von den Taten des Doktor Faust, von seiner Geistesbeschwörung und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und von den Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas tanzen dürfe, fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst im Zimmer herum. Die anderen Patienten betrachten seine Sprünge kaum, so wie sie früher nicht auf seine Rezitation geachtet haben. Sie kennen diese letzten Reste der Kunst, die der Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und Schaubudenbesitzer — aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit hinübergerettet hat.