„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein Gründlicher.
„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während es doch eine rein private Angelegenheit zwischen mir und ihm war.“ Neuerliches Halloh.
Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd, der mit dem Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der einzige, der dem Gespräch nicht zugehört hat und der in das Beifallslachen nicht einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen einer tschechischen Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich liegen, und während er mit der rechten Hand den Löffel mit Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert er mit der linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er hat die Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört. Der Junge, der hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen verschlingt, der träumt wahrscheinlich davon, auch einst ein berühmter Räuber zu werden, wie der Betyare Rosza Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden, wie sein Nachbar.
Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren Eltern in der Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr Mittagsbrot kaufen. Sie verschlingen gierig die stark gezwiebelte Graupensuppe und den Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung bis zum Abend, vielleicht bis zum nächsten Mittag.
An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache, müde Männer, denen vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden Gemeindehof lang und beschwerlich war. Daß sie von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die das Stadtwappen trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags, die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen: Zur Straßenreinigung von Prag.
Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem Tisch. Mit der rechten Hand stützt er den Stock auf, in der heftig zitternden Linken trägt er den Suppennapf, aus dem die heiße Flüssigkeit auf die Erde spritzt. Die Hälfte des Inhaltes ist verschüttet, als sich der Alte endlich niedergelassen hat. Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den Löffel, aber auf dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein beträchtlicher Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf dem ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet.
Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und Bestecke von den Tischen räumt, kommt auch zu mir und nimmt, da sie mich nicht mehr essen sieht, meinen Suppennapf weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt sie mir ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe darin!
„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse nicht mehr.“
Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung.