„Zwei,“ antwortete der Lakonier.

„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter.

„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei maß er mich mit einem Blick, in dem sich die Verachtung über die Unbildung eines Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe zwei Kreuzer koste, mit dem Verdachte paarte, daß ich ihn uzen wolle.

Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren, und so sei hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher publiziert.

Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein unterhalten werden: Für die Alt- und Josefstadt in der Gemeindehofgasse, für die Untere Neustadt in der Petersgasse, für den Wyschehrad in der Wratislawgasse, für die Kleinseite auf dem Malteserplatz, und je eine für Holleschowitz und für Lieben. Die Ausgaben in sämtlichen Küchen betrugen im vergangenen Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als Einnahme die Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80 Heller gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen 54 Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent arbeiten.

Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen jeden Monates sehr häufig die Volksküche für die Alt- und Josefstadt zu frequentieren, und von den 122.298 Portionen Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen Mehlspeisen à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur Ausgabe gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt.

In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in einem Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die vereinigt wurden. Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen der Fußboden belegt ist, lagert allmittäglich dicker Kot, denn die Gäste sind von weither gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel vor dem Eintritt in das Etablissement nicht. Der Türe gegenüber ist der Schalter zur Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich in langer Queue. Ihr Geld halten die meisten abgezählt in der Hand, denn wer sich zulange am Schalter zu schaffen macht, wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die wenigsten bestellen ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld. Die meisten verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem Restaurant. Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen, mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig und teuer, und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils unfreiwillige Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes nimmt die Bestellungen und die Bezahlungen entgegen, und reicht die verlangten Speisen. Aus einem Holzkistchen, das am Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann einen Zinnlöffel. Auch Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen die wenigsten, da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette gibts hier nicht.

Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im Saale stehen dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang. Sie sind so schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel steht — es wäre kein Raum für die Schüsseln einer hier sitzenden Person. An der Längsseite jedes Tisches läßt eine etwa einen Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber das genügt nicht für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere aneinanderdrängen, und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches vier Leute halb auf der Bank und halb in der Luft.

Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto. Aber er hat nur eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung eventueller Exzesse da. Nach Vagabunden und Revertenten fahndet er hier nicht — dieser Zufluchtsort der Hungernden scheint stillschweigend als eine Art exterritorialen Bodens betrachtet zu werden. Beim Eintritte des Wachmannes ist ein hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und Blick der Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend nach links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten abwenden kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter des Gesetzes, sondern er scheint eher seit seiner letzten Beichte vor dem Strafrichter eine neue Sünde auf sich geladen zu haben. Aber bald fühlt unser Freund, daß der schlenkernde Blick des Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt. So wendet er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach einer Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder den Saal.

„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte Tanzlokal in der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert jetzt der Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige Zurufe.