Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame aber fuhr fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“

Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, nein,“ rief sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. Früher ist ein Mädchen in einem einfachen Kattunkleidchen zum Tanze gegangen und hat sich fürstlich unterhalten. Jetzt aber muß sie ein Kleid um mindestens hundertsechzig Kronen haben, damit die anderen Damen nicht die Nase rümpfen. Denn den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame hübsch ist.“

Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des Saales Platz genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte unsere Herzen. Ich rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor fünfzig Jahren, da hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute — wer kann heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“

„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz zeigen, du mußt dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen Worten machte ich meiner verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung Luft. So fein beobachtend, so klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne des Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik an alle die kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt der Herren, an den Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken, gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, die konnte ihr Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn für Vergleiche, ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen — ein ideales, ein einziges Weib.

„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, da sie sich noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, du mußt.“

Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste von 1861 teilgenommen hatte.

Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus

Es wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen Vorträgen an der Juristenfakultät und an der Handelsakademie, wenn die Hörer veranlaßt werden würden, Exkursionen in die dunkelsten Gebiete des volkswirtschaftlichen Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener Gewerbsleute und Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch protokolliert sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen. Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken, manchen Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht konstatieren, daß manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen Wert und über deren Zulässigkeit an den Börsen und Hochschulen Amerikas gestritten wird, hier im kleinen, ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich praktiziert werden. Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der armen Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als jene der amerikanischen Multimillionäre?

Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen Leute, die sich in einem beispiellos erbitterten Kampfe um den kleinsten Gewinst aufreiben und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit und ihrer raffinierten Organisation im allgemeinen auf keinen grünen Zweig kommen, leicht beobachten. Man kann unter irgend einem Vorwande in die Partiewarengeschäfte und Trödlerläden, in die Handelcafés in der Zeltnergasse und auf dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den öffentlichen Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im Landesgerichtsgebäude, den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand- und Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen privaten Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten in Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei der Arbeit sehen.