Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei. Früher hat es in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche mit ihren Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und ihren gebräunten Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen. Früher durften die Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte der Straße aufstellen, heute sind nur die Höfe der Häuser ihr Rayon und in den neuen Häusern gibt es gar keine Höfe. Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend werkeln und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur von zwölf Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr nachmittags an bis zum Einbruch der Dämmerung spielen. Immerhin scheint das Werkeln noch ein lukratives Geschäft zu sein, wie voriges Jahr die Geschichte des Raubmordes an dem Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die zahllosen Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen sogar Gesuche von begüterten Gemeinden, man möge diesem oder jenem ihrer Ortsarmen die Bewilligung zum Leierkastenspiel — in Prag gewähren.

Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag neue Konzessionen ausgestellt werden und auch die Bewilligungen für die zum Polizeirayon gehörenden Vorstädte werden jetzt nur in den seltensten Fällen erteilt. Und mögen es die Dienstmädchen, welche ihren letzten Kreuzer in den Hof hinunterwerfen, um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo zu hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne zu den verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen Witwe“ umherhopsen, noch so bitter empfinden — die Drehorgel ist auf den Aussterbeetat gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden wie jenes Blasinstrument, dessen Namen es entlehnt hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt: Sang- und klanglos.

Die Gifthütte

Dorthin, in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse und der Katharinagasse bis gegen Slup und Nusle hinunterziehen, kommen die Prager selten. Es ist eine Stadt der Kranken, die sich hier breitet. Die Institute der medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser halten mit ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt der Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein freier Platz, der nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume wachsen. In den Ecken des Platzes wuchert üppiges Gras. Ein steinerner Heiliger, der heilige Adalbert, blickt vom Piedestal seiner Säule friedlich auf die Kinder hinab, die zu seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine Schar von Mädchen, Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte glauben, sorglose Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer sitzen vor den Häusern und schmauchen behaglich ihre Pfeife. Und die Häuser sind einstöckig.

Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar ist, das Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus, wie man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich sieht diese Hütte selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu verwahrlost aus. Aber was kann man auch für Ansprüche an das Gasthaus eines so gottverlassenen Dörfchens stellen?

Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus, wenn man sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige Grenzmauer, und in das Tal schaut, das sich unten in weitem Boden streckt. Nichts weniger als ein ländliches Idyll. Dort oben starren hinter den Pankratzer Feldern die trotzigen Mauern der Strafanstalt herüber, halbrechts recken sich zu den Felsenhöhen des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit den Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die Basilika mit dem Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die begraben, die sie für groß halten. Unten im Sluper Tal die großen Institute der Fakultäten, dann zwei Hotels, dann Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen Lettern Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und um das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der Blick durch ein markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden Garten gelenkt, wo Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke zu pressen versuchen ...

Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten sieht. Das Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt, heißt die „Gifthütte“. Wohl nicht deshalb, weil es das andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres führt es wohl seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen vertilgt, wie sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen. Vielleicht hieß es so, weil hier besonders die Mediziner verkehrten, die mit Giften hantierten. Ich weiß es nicht und auch die Chronik der Stadt Prag vermag über die Herkunft dieses Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II. überhaupt nichts zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der Zeiten so Sonderbares erlebt und so mannigfache Gäste beherbergt hat, wie kaum ein zweites.

In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet sich auch ein Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim hat es an einem Maiabend des Jahres 1853, also zu einer Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne zu Hunderten nach Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum ersten Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne Aderlaß zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene Sehnsucht

„Auf den Windberg, auf den steiligen,