Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“

hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen und allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um hier beim „Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen,

„Wo zum Tanz die hezká holka

Nach dem Klang der munter’n Polka

Den Primär am Bändchen führt.“

Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte der Irrenanstalt und die Assistenten der Kliniken tanzten hier unbekümmert um ihre ärztliche Würde bis längst die Sonne das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein Patient oder eine Patientin in einem der nahen medizinischen Institute der ärztlichen Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand. Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken. Von den Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte, zwei sogar wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands hohen Schulen.

Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im allgemeinen als dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die Damen rekrutierten sich aus drei Gesellschaftsschichten: I. Den dienstfreien Wärterinnen der medizinischen Institute; II. den Dienstmädchen der in den Instituten wohnenden Professoren der philosophischen und der medizinischen Fakultät und III. den Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate abwechselnd in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen Geistes voll. Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten und Tänzern über irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf eines Patienten der Klinik, und den Professorenköchinnen flüsterte manchmal in vorgerückter Stunde ein Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags Examen.“

Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste Tour der Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten hinaus ...

Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer den drei erwähnten Damengattungen auch einmal eine vierte am Gifthüttenball vertreten war. Das war so: Einige übermütige Mediziner hatten einem eben nach Prag gekommenen Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause zum Tanze versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene Gesellschaft, aber wenn der Herr Professor mit seinen Töchtern den Studenten die Ehre erweisen wolle ... Der Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos blieb er in der Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die Sache doch nicht gedacht: die Herren in Hemdärmeln, die Damen in Schürzen und das Lokal, das einer Verbrecherkneipe viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die Herren Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr Papa gute Miene zum bösen Spiel und tanzten. Als später einmal eine der beiden Professorentöchter als Professorsgattin nach Prag kam, hat sie ihr Balldebüt in der „Gifthütte“ zum Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie sich seither bei keinem Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei diesem seltsamen „Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste Quadrilletour gar nicht getanzt hatte!

Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über die Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer von Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn vom „Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer richtete an den Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof, den Bruder des damaligen Statthalters, eine Zuschrift, die eine Philippika gegen die Bälle war und in der Professor von Weber ersucht wurde, er möge den Hebammen den Ballbesuch verbieten. Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der „Gifthütte“ im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl.