Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen die Aufgabe obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. Sie waren nicht nur die Zielscheibe von Scherzen und Wetten, sondern auch von vielen Schmugglertricks. Aber die gelungensten dieser Gaunerstreiche sind nicht bekannt. Weil sie eben gelungen sind.
Floßfahrt
Wittenberg, den 1. Juli 1910.
In Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen. Mit schweren Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen. In den Gegenden am Oberlauf der Moldau, an der Maltsch und der Luschnitz ließ es nicht ab zu regnen, und auf der Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit und wegen der Anordnungen der Strompolizei — oder eigentlich nur wegen dieser — durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der Moldauspiegel auf 60 Zentimeter über der Normale — die Grenze des Erlaubten. So fuhren wir.
Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie hauptsächlich von der Sazawa her geflößt werden, sondern breite Riesenstämme. „Eine Salon-Prahme“, hatte mir Herr Max Winterberg versichert, als er meine ihm erstaunliche Bitte, auf einem Floß der Firma „Löwy u. Winterberg“ bis nach Sachsen fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt hatte. Majestätisch schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter welcher der Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um die Zahl der Holztafeln zu kontrollieren, nahmen wir eine schmälere Formation an. Es hieß „Einzeln abfallen“, denn das Schittkauer Wehr war in der Nähe, und dessen Floßschleuse ist eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander befestigten Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte losgelöst und rückwärts befestigt werden.
Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil des Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an der nächstfolgenden Tafel befestigt, damit er von der Gewalt der Wassermassen der Schleuse nicht zu tief gerissen werde. Die Durchschlagsstämme, welche je zwölf Balken zu einer Tafel verbinden, wurden scharf darauf angesehen, ob sie nicht schadhaft geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche die dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit Wasser besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der Wucht des Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer bohrten mit Energie und Schwung die harpunenartigen Staaken tief in den Moldaugrund und schritten, sich mit dem ganzen Körper gegen die eingebohrte Stange stemmend, rüstig vorwärts, wobei sie natürlich immer an derselben Stelle blieben, da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in entgegengesetzter Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt, die Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen — keine leichte Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den Stromstrich gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission seine Demolierung und die Errichtung eines neuen Wehres in der Höhe der Schittkauer Mühle projektiert. Das Wehr teilt sich überdies gegen das linke Moldauufer in zwei Arme und das Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse eingefahren ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln, die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden nicht jüngeren Flößer Kolenský und Konečny — die aus drei Leuten bestehende Bemannung des Floßes war zusammen 182 Jahre alt — getroffen hatten, verfehlten ihre Wirkung nicht: Trotzdem die Stämme krachend an den Schleusenrand stießen, kamen die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und Gischt, und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum Altstädter Wehr ein.
Beim „Frantischek“ erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur „Austria“, der die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde Prags zu sein, schleppte uns nun bis zum Neumühl-Wehr unterhalb der Karlsbrücke — dem letzten Wehr alter Konstruktion, das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher waren die einzelnen Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft gewesen, sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne daß die noch vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile aus ihrer Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem das Neumühlwehr durchfahren war, wurde dem Floß durch Anspannen der Bindwieden eine steife Formation gegeben. Die Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist nämlich lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln.
In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein um einen festen Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei Flößern senkrecht aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in den Moldaugrund ein. Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging es auf den hier in breiter Reihe verankerten anderen Flößen ans Land, in das Wirtshaus „Baštecký“. Das war mit Flößern dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der Hetzinsel-Schleuse auseinander gegangen und die Bemannung, die selbst in Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag arbeiten, die Stämme wieder zu ordnen und zu binden. Die Erregung ist allgemein. Darüber, daß die Schleuse schlecht sei, sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß die deshalb an die Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben werde, erhebt sich kein Widerspruch. Aber über die Art der Abwehrmaßregeln kann man sich nicht einigen.
„Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,“ meint aufgeregt ein junger Flößerbursch.