Unter dem Musengeleite betritt der Fremdling die Säulenhalle. Im Kreise des gesamten Personales wendet er sich nun mit warmen Worten ans Publikum, Prag möge ihm nicht Huld und Geduld versagen. Und Thalia erwidert:
„Sie wird es nicht. Sie wird aufricht’gem Streben
Wie immer güt’ge Anerkennung geben.
Erblicke sie, die wunderschöne Stadt,
Die ihres Gleichen nicht auf Erden hat,
Erblicke sie, der du dich froh geweiht
Und stärke dich an ihrer Herrlichkeit.“
(Der Hintergrund teilt und Prags voller Anblick entfaltet sich.)
Im Herbste 1853 erschien Holtei wieder in Prag und las unter großem Beifall im Konviktsaale seinen Shakespeare. „Aber je gütiger ich behandelt wurde, desto erkenntlicher muß ich sein.“ Und den Dank hat er abgestattet. In Gutzkows Familienblatt „Unterhaltungen am häuslichen Herd“[5] des Jahrgangs 1856 erschien an leitender Stelle: „Das Kinderspital in Prag. Sendschreiben an den Herausgeber. Graz in Steiermark. Juli 1856.“ Darin hat nun Holtei seinen Dank in würdigster Weise abgetragen, indem er für diese Anstalt in ganz Deutschland Stimmung zu machen versucht und uns zum andern ein treffliches Bild der Prager Gesellschaft vor nun fünfundfünfzig Jahren gibt. In anschaulicher Weise schildert er uns die Segnungen und Aufgaben des „Franz Joseph-Kinderspitals“, das von Dr. Kratzmann im Jahre 1842 begründet wurde, und dann in Dr. Löschner, dem unvergeßlichen Menschenfreunde, seinen nimmermüden, zu jedem Opfer bereiten Leiter gefunden hat. Schon vorher hat Holtei den Reinertrag seiner letzten Vorlesung am 23. November — Schillers Demetrius, Goethes Egmont, Shakespeares Caesar — dem Kinderspitale zugewiesen.
Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet über seine literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag macht. Nächst seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor Baron Paümann, „waren es vor allem die Redaktoren der Zeitschrift „Bohemia“ und der unter dem Titel „Album“ weit verbreiteten Romanbibliothek, die deren beider liebevoll verhätschelter Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre hatten. Freund Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch Kolatschen und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den heiligen Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen. Bald war er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben trat ich allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser, war Abend für Abend in geselligen Kreisen, machte sogar verschiedene Ausflüge aufs Land in benachbarte Schlösser. Der jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s angelegen sein, mich dem Kreise der bei ihm häufig versammelten Schriftsteller und Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten Worten rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin sind ihm unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung erreicht er aber bei den Namen: Erwein Nostitz und Schloß Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch ein Hauswesen, welch ein Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten Maßstabe! ... So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen Familien in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit und das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war der Großvater des gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel Gastfreundschaft macht dem greisen Poeten, der doch auf seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt hat, die Moldaustadt unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich Prag zum ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt, sei’s auch nur als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“ Und kommt er nicht selbst, so sendet er seinen Dichtergruß. Unter der langen Reihe der besten deutschen Namen, die die Prager Lese- und Redehalle der deutschen Studenten unter ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis nicht. Zum Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab, sandte der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten — er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein Rudloff sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene Wort, die Muse der Dichtung gegen die Musik. Er ruft die unsterblichen Genien der deutschen Sprache, denen auch dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen, um dann den Wunsch zu sprechen: