Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.
„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe.
„Ich will trinken,“ melde ich nochmals.
„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.
Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.
Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite bläst: dann bringt er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich einhülle und vergeblich zu schlafen versuche.
Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann geht auch er.
Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben sich — wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist — hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten.
Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73. Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal „im Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt und der Beruf als „empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist.