Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das vergitterte Haus. Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden exerzieren, „durfte“ an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum „strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch.
In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die — wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte.
In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte.
Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir abgenommen; ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige, der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht auf solche Gedanken kommen.
Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.
Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht.
Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken. Kalt ist es auch.
So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt herbei und fragt mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre ich.
„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur Antwort.
Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum Wachkommandanten hinunterführt.