Um diese Zeit neigt sich auch das wogende Leben, das von 3 Uhr morgens ab in den Kaffeehäusern und Suppenstuben der Galligasse und der Rittergasse herrschte, seinem Ende zu. Hier sitzen die Damen der Halle im Lokale, in dessen Mitte, ganz wie im Orient, der Herd steht, und besprechen bei einer Tasse Kaffee, die 20 Heller kostet, und bei einer Buchte um 6 Heller die österreichische Agrarpolitik und ihre Einwirkung auf die Fleischteuerung. Vergleichsziffern aus alten, besseren Zeiten illustrieren diese politischen und wirtschaftlichen Enunziationen. Manchmal ißt man vielleicht auch eine „drštková polévka“ dazu, was laut Ranks Wörterbuch deutsch „Kuttelflecksuppe“ heißt. Na ja, Ranks Wörterbuch ist eben kein Kochbuch, und so kann darin nicht verzeichnet sein, welche Fülle geheimnisvoller Ingredienzien eine kommune Kuttelflecksuppe zu einer Prager „drštková“ stempelt. Die Schnapsbutiken sind voll von Leuten, die sich aus den zahllosen Fäßchen Arzneien gegen Mattigkeit und Nervosität kredenzen lassen. Die Gassen beleben sich immer mehr. Bäckerjungen, Fleischergehilfen, die auf dem Rade aus der Holleschowitzer Zentralschlachtbank in den Laden fahren, Nachtwächter, Plakatankleber und Zeitungsausträgerinnen sind die Passanten.

Schon wird der Posten eingezogen, der während der Nacht im „Alten Gericht“ die Kasse des Steueramtes bewacht hatte. Wenige Minuten später ziehe ich die Glocke meines Hauses. Während der Hausmeister herbeikommt, um sein letztes Sperrsechserl einzuheimsen und dann das Haustor schon offen zu lassen, zieht der in Phantasieuniform gekleidete Bedienstete der „Wach- und Schließ-Gesellschaft“ seine Uhr und richtet sie. Er weiß: Wenn ich nach Hause gehe, ist’s Punkt 6 Uhr. Und da gibt es noch Menschen, die behaupten, ich führe keinen regelmäßigen Lebenswandel!

In der Wärmestube

Am Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner Brückengasse den Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten, aber auch der unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion. Er war seinerzeit bei der Aufdeckung des Doppelmordes in Krtsch, als man die Leichen des Takacz und der Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und von Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen Leben und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank. Er kam gerade aus der Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“ flüsterte er. Das Sprechen machte ihm Mühe. „Ich werde es nicht mehr lange machen ...“

Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch erwarten können, bis Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd, „Sie werden doch dem Staat nicht die Inspektorspension schenken!“ Detektiv Wünsch machte eine abwehrende Handbewegung: „Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“ Dann sagte er:

„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert. Wissen Sie, wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube. Dort könnten Sie Studien machen. Dort haben Sie alle unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck „unsere Kerle“ meinte er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten. Als ich mich für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort:

„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der Nähe, unter der Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich Sie anziehen, daß Sie wie ein echter Verbrecher aussehen werden. Von meiner Wohnung aus brauchen Sie dann nur eine Minute in Ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“

Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag klopfte ich an seine Tür, um die Exkursion anzutreten. Mir öffnete eine Frau.

„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich.