„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde mir zur Antwort. Ich glaubte, falsch verstanden zu haben. Aber man bestätigte mir die Nachricht, die mich — schon weil sie mir so unerwartet kam — bodenlos schmerzlich berührte: Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage gestorben.


Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen, mir keine besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube in seiner Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen Rat. In der Filiale der Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der Kampa-Insel warf ich mich in full dress. Nicht in die Fetzen, die ich auf meiner Floßfahrt nach Magdeburg, bei meinem Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen Streifzügen getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt. Ich glich in meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt schon ganz fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten Nankinghosen, meinem verbogenen und beschmutzten Kragen — eine Krawatte hatte ich nicht — ungefähr dem Baron in Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans Waßmann gespielt hat.

Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter entledigt hatte, spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war, was es heißt, der Gewalt des Frostes wehrlos preisgegeben zu sein. Von der Čertovka her, dem Moldauarm, der die Kampa umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in die eisigkalte Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den brennenden Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als ob die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich zu wärmen.

Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube. Sie ist in einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse untergebracht, das an den Landesschulrat anschließt. Rechts ist der Eingang in die Abteilung für Frauen, links in die für Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt einen kurzen Korridor und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin in der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig gegen den Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren scharf, durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich tue als ob ich das nicht beachte und suche mir ein Plätzchen. Das ist nicht so einfach. Das Zimmer ist klein, und die dreißig Menschen sitzen dicht an einander geschmiegt auf den Bänken, welche an den beiden Längswänden und parallel zu diesen in der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt stehen. Die der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei; hier ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man zu Mittag eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe ich mir doch einen Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine Handbreit der Bank freigeblieben, und ich, indem ich den einen Schläfer beiseite schiebe — er rückt mechanisch weiter — kann mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie heuchelnd, in mich zusammen, und die Blicke der Leute rutschen wieder von mir ab, und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt waren, werden wieder fortgesetzt.

Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen Feinde des Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte. Aber auch hier, wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie ihre schwache Wehr nicht ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke und ihre Hüte anbehalten, alle haben ihre Rockkragen aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre Ohren geschlungen. Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder Strumpfteile, die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders dicht ist die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die Zunächstsitzenden halten ihre Hände an den graphitartig glänzenden Ofen, als wollten sie in der kurzen Spanne Zeit ein möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen.

Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes Bild, das man hier im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber nach und nach unterscheidet man die Grundfarben, erkennt, daß hier zwei Gruppen menschlichen Elends vertreten sind: Arbeitsnot und Verbrechen. Man erkennt das aus den Gesprächen, man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel ausgezogen und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein anderer, ein junger Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne Koketterie um den Hals gebunden trägt, legt einen Taschenspiegel auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies bewunderungswürdig tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert verzweifelt in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber vergessen hat.

Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee in den Straßen zu schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken gibt. Die anderen — und es läßt sich nicht verschweigen, daß diese in der Mehrzahl sind — fluchen den Polizeibezirksleitern und Bezirksrichtern, die so streng sind, im Winter milde zu sein.

„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei Wochen wegen Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir der Schuft nur vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer. Ein anderer lacht wieder:

„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt, ob ich mir nicht Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich werde jetzt Hopfen pflücken gehen.“ Alle lachen. Dann wendet sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit dem roten Schlips: