Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine Ahnung: von der Spionage.
Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals geschafft.
Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, „der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...“, „... in der letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...“, „... in Wien, wohin ihn dienstliche Aufgaben geführt hatten ...“
Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt miteinander, da das 8. Korps für „Fall 3“ (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
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„Von einem Schlosser?“ frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, der mir von dieser Dienstreise erzählt.
„Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, kein Professionist.“
„Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?“
„Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.“
FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers Antwort gegeben – zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.