Melde gehorsamst: Fünf Uhr.

Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die „Beendigung“ der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen – einer von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef Spionage getrieben habe.

Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.

„Das Zimmer war offen,“ meldete er erregt, „ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst – tot.“

Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende – genau zwölf Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief – damit die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde – das Hotel unter einem fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. Man wartete aber nicht länger am Apparat.

Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: „Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.“

Als Nachschrift war hinzugefügt: „Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für mich.“

Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten – jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen – wollten die Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: „In alt bewährter Treue“) wollte sich durchaus nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den Polizeibeamten und – als diese ihn beiseite schoben – dem aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem Mörder.

So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon nichts gesagt?

Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?