Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. („Ein dolchartiges Messer“ und eine „Rebschnur“, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu haben.)
Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.
„Ich hatte keine Komplizen,“ erwidert er.
Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: „Eine Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?“
Oberst Redl: „Nein.“
Das Mitglied der Kommission: „Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.“
Redl (stockend): „Ich bitte – gehorsamst – um einen – Revolver.“
Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning zu holen, um ihn „Herrn Redl“ einzuhändigen.
Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen und dem Oberst sagen: „Machen Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.“
Wie spät ist es?