„Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?“

„Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden – was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.“

Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht erzielen.

Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen „Wenzel Vorlicek, k. u. k. Majorauditor“.

Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.

Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im „Café Kaiserhof“ waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor der Türe des „Hotel Klomser“ von Oberst Redl verabschiedet.

*          *          *

Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie – den Hotelinstruktionen entsprechend – nicht ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein heiseres „Herein“ hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.

Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.

„Ich weiß, weshalb die Herren kommen,“ bringt er langsam heraus. „Ich habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu schreiben.“