„Erzähl’ mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.“
„Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien von Plänen.“
„So? Und wem gehört die Wohnung?“
„Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.“
„Und der General war nicht da?“
„Nein, der ist gestern in Wien gestorben.“
Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: „Erzähl’ mir ‚keine Geschichten‘“, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: „Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!“ Auch, daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren notiert haben.
Der Redakteur weiß natürlich sofort, daß es sich um die Wohnung des Generalstabschefs Redl handelt, dessen Selbstmord samt begeisterter Biographie heute vom k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gemeldet und wörtlich im Mittagsblatt abgedruckt worden ist. Und er hat gar keinen Anlaß, eine Diskretion zu bewahren, um die er nicht ersucht worden ist, ein Geheimnis zu hüten, das man ihm nicht anvertraut hat. Er schreibt einen Bericht an sein Berliner Blatt. Denn in Prag würde eine Mitteilung ganz gewiß konfisziert werden. Oder soll man es doch versuchen? Beratung mit dem Chefredakteur. Man entschließt sich zu einem Kompromiß: man riskiert die Beschlagnahme der Abendausgabe und wird die Nachricht in Form eines Dementis bringen. „Von hervorragender Seite werden wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte ersucht, daß der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Rußland Spionage getrieben habe. Die nach Prag entsandte Kommission, bestehend aus einem Oberst und einem Major, die in Gegenwart des Korpskommandanten Baron Giesl die Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer am Sonntag geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen, usw.“. Solche Dementis versteht selbstverständlich jeder Leser, es ist so, wie wenn man sagt: „Der X. ist kein Falschspieler.“ Aber konfiszieren ließ sich der Bericht schwer, vielleicht glaubte der Presse-Staatsanwalt, das Dementi stamme vom Korps-Kommando, das Korps-Kommando glaubte, es stamme aus Wien. Jedenfalls erschien das Abendblatt, der Draht gab die Nachricht nach Wien, die Reporter liefen ins Hotel Klomser, im Parlament wurden zwanzig Dringlichkeitsanträge und Interpellationen eingereicht, und ganz Österreich wußte von den Ursachen des Selbstmordes, die die maßgebenden Kreise des Auslandes, deren Spion Redl ja gewesen war, ohnedies sofort gewußt hatten, und die man im Inlande sogar vor dem Kaiser geheimhalten wollte.
Man hatte auf die Verhaftung des Spions und auf ein gewiß aufschlußreiches Gerichtsverfahren mit Zeugeneinvernahmen, Protokollen usw. verzichtet, man hatte eine Nacht lang das Hotel bewacht, Spezialeide der Geheimhaltung leisten lassen. Und nun erfuhr die ganze Welt davon. Weil ein Endback ein Wettspiel versäumt hatte. Gegen Union-Holeschovice.
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