Das Erste, was die Kommission beim Eintritt in die Wohnung des Gerichteten verblüfft hatte, war der weibische Geschmack, der sich überall äußerte. Die Möbel waren rot in rot gehalten, seidene Steppdecken und rosa Plüschüberwurf auf dem Himmelbett, Alabaster vorherrschend, als Rauchgarnitur, Nachtkästchenplatte und Figuren (bloß die große Napoleonbüste über dem Schreibtisch war aus Bronze), überall zierliche Nippes, und alle drei Zimmer von penetrantem Parfümgeruch erfüllt. Ein Riesentoilettetisch mit Haarfärbemitteln, Tuben, Tiegeln, Brennscheren, Manikurekästen, Pomaden, Parfüms u. dergl. fiel auf.
Erst als der Schreibtisch aufgebrochen worden war, und man feststellte, daß die zahllosen mattbunten Billetdoux erotischen Inhalts von Männerhand stammten, hatte man die Auflösung des Rätsels: Oberst Redl war homosexuell gewesen.
Angefangene Briefe, zerknüllt in den Papierkorb geworfen, zeugten von der Leidenschaft Redls für den jungen Ulanenoffizier in Stockerau; der hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte es heiraten, während ihn Redl mit verzweifeltesten Ausrufen wieder für sich gewinnen wollte.
„Mein lieber, lieber Stefan! Deinen Brief vom 22. d. Mts. habe erhalten, und kann es nicht fassen, daß Du mich wirklich verlassen willst, wo Du mir so oft Treue und Dankbarkeit gelobt hast. Kann Dir nur wiederholen, daß Du Dich durch die Ehe nur bleibend unglücklich machen wirst, am Anfang erscheint alles voller Illusionen und wunderschön, sind jedoch die Mysterien vorbei, so erkennt man, was eine Frau ist. Sage ihr keinesfalls etwas von mir! Frauen mischen sich in alles, und das, was sie nicht verstehen sollen, ist das einzige, was sie verstehen. Ich warne Dich noch einmal, mich zu verlassen. Ich bin verzweifelt, und weiß nicht, was beginnen soll. Am Liebsten möchte mit Dir wegfahren (Davos?), könnte Dir sofort Urlaub verschaffen, und glaube auch, Dir den versprochenen Austro-Daimler (Tourenwagen) kaufen zu können. Wenn Du nach Wien kommen könntest, lieber Stefan, so schreibe mir sofort, würde dann ...“
Dreimal ist dieser Brief begonnen, alle drei Fassungen sind verworfen worden. Redl entschloß sich, seinen Freund lieber mündlich zu beschwören, daß er ihn nicht verlasse. Er fuhr nach Wien, wohin auch Stefan aus seiner nahen Garnison kam. Die Unterredung im Hotel scheint mit dem Versprechen Redls geschlossen zu haben, den Austro-Daimler-Tourenwagen zu kaufen. Und deshalb fuhr er zum Postamt, das bewacht war.
Der junge Ulanenoffizier hat sich gleich nach Bekanntwerden des Selbstmordes Redls der militärischen Gerichtsbehörde gestellt, da er vermutete, sein Freund sei wegen Homosexualität angezeigt worden und habe sich deshalb getötet. Es stellte sich heraus, daß er von den Spionagen seines Geliebten keine Ahnung gehabt habe. Trotzdem wurde er – wegen widernatürlicher Unzucht – zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.
Der ständige Verkehr des Obersten mit dem jungen Offizier war allgemein bekannt gewesen, doch hatte man darin nichts besonderes gefunden, da Redl den Leutnant überall als seinen Neffen vorstellte. In Wirklichkeit war er der Sohn eines Dieners aus Mähren, und schon als Kadettenschüler von Redl verführt worden. Dieser hatte dann die Kosten seiner Transferierung in die Kavalleriekadettenschule Mährisch-Weißkirchen getragen, ihm zwei Reitpferde gekauft und ihn auch sonst mit Geschenken überhäuft.
Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen von Geldsendungen aus Rußland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem photographische Platten. Er hatte in seiner Wohnung bei herabgelassenen Fensterläden Dienstbücher reservaten Charakters, Mobilisierungs-Instruktionen und ähnliche Elaborate photographiert, die in allen Staaten der Welt nach Muster der deutschen Generalstabsbücher – des Meisterwerkes des Feldmarschalls Moltke – verfaßt, aber natürlich überall, den Eisenbahn-, Schiffs-, Straßen- und Dislozierungsverhältnissen entsprechend, adaptiert sind. Auch Befehle über Armierung und Verpflegung, Eisenbahntransporte und Durchführung von Truppenverschiebungen hatte Redl für seine Auftraggeber photographiert und aktuelle Befehle des Kriegsministers Krobatin, des Erzherzogs Franz Ferdinand und des Chefs des Generalstabes Conrad v. Hötzendorf, die sich auf Organisationsfragen innerhalb des 8. Korps bezogen.
Dagegen fand sich hier noch kein Beweis dafür vor, daß Redl konkrete Kriegsvorbereitungen, wie z. B. Aufmarschdispositionen, Grenzbefestigungen, Festungspläne, Geschützkonstruktionen oder die Namen von österreichisch-ungarischen Spionen im Auslande verraten habe, – so allgemein dies damals auch behauptet wurde. Die Spuren des Verrats, die sich in seinen Fächern fanden, reichten bloß anderthalb Jahre zurück, die Dauer seiner Tätigkeit in Prag. In dieser Zeit hatte Redl mit seiner Spionage einen Betrag von nahezu sechzigtausend Kronen verdient, etwa das Zehnfache seiner Gage. Aus dem Nichtvorhandensein von älteren Beweisstücken deduzierte dann Landesverteidigungsminister Georgi bei seiner Interpellationsbeantwortung im Parlamente, daß die Verrätereien bloß zwei Jahre zurückreichten. Er mußte sich darauf antworten lassen, daß Redl schon seit mindestens zehn Jahren einen übermäßigen Aufwand betrieb, schon lange zwei Automobile besitze. Redl hatte zwar glaubhaft zu machen gewußt, daß er im Besitze eines großen Privatvermögens sei und eine große Erbschaft gemacht habe. Jedoch, er hatte vor mehreren Jahren in Neustift-Innermanzing ein Gut gekauft, besaß außer in Prag auch in Wien, in der Wickenburggasse eine vornehm eingerichtete Wohnung, hielt Reitpferde und pflegte Champagnergelage zu geben. Seine Verbrechen müßten daher mindestens bis in die Zeit zurückreichen, da er Leiter der österreichisch-ungarischen Kundschafterstelle im Evidenzbureau des Generalstabes gewesen sei, wenn nicht gar in die Zeit seiner Truppendienstleistung bei Regimentern der Grenzfestungen, beim Inf.-Reg. Nr. 9 in Przemysl und beim Inf.-Reg. Nr. 30 in Lemberg.
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