Jedenfalls ist das Verhalten Redls in dem größten Militärbefreiungs- und Spionageprozeß Österreichs, in dem Prozeß Hekailo-Wienckowski-Acht, ein so merkwürdiges gewesen, daß zehn Jahre später, nach dem Selbstmord Redls, bei den wenigen Eingeweihten der Verdacht auftauchen mußte, er habe damals eine Doppelrolle gespielt, und auf eine Weise Menschenleben vernichtet, wie sie teuflischer kaum gedacht werden kann. Im Jahre 1903 wurden nämlich in Wien Vorerhebungen gegen den Oberstauditor Hekailo, Justizreferenten der 43. Landwehrdivision in Lemberg geführt, der im Verdachte stand, durch Fälschung einer Quittung Gelder unterschlagen zu haben. Während der streng geheim geführten Erhebungen wurde der auf freiem Fuße belassene Hekailo flüchtig, und erst nach dem Bekanntwerden seiner Flucht meldeten sich weitere Beschädigte, aus deren Aussagen hervorging, daß Hekailo auch die ganze Heiratskaution eines Rittmeisters und das Vermögen seines Mündels unterschlagen hatte. Ein paar Monate später erschien der Generalstabshauptmann Alfred Redl in der Kanzlei des nachmaligen Generalmilitäranwalts Wilhelm Haberditz, der die Untersuchung gegen Hekailo führte, und machte die überraschende Mitteilung, daß Hekailo nach den unwiderleglichen, von Redl beschafften Beweisen als Spion in russischen Diensten stand und wahrscheinlich auch den Aufmarschplan der österreichisch-ungarischen Armeen den Russen an der Grenze bei Thorn ausgeliefert habe. Durch einen Brief, den Hekailo nach seiner Flucht an einen Freund in Galizien sandte, kenne man auch seinen gegenwärtigen Aufenthalt und seinen Decknamen „Karl Weber“ in Curityba in Brasilien, weshalb ein Auslieferungsbegehren zu stellen wäre. Das bezügliche Aktenstück, in welchem natürlich nur von den gemeinen Verbrechen des Betruges und der Veruntreuung die Rede war, wurde sofort verfaßt und dieses Auslieferungsbegehren vom Ministerium des Äußern auf telegraphischem Wege der brasilianischen Regierung mitgeteilt. Als jedoch Hekailo verhaftet werden sollte, wies er einen russischen Paß vor, der auf den Namen „Karl Weber“ lautete, und stellte sich unter den Schutz des russischen Konsulats. Schon war verfügt, daß ein höherer Offizier zum Zwecke der Agnoszierung des Festgenommenen eine Reise nach Brasilien unternehmen solle, als die Nachricht des österreichisch-ungarischen Konsulats in Curityba eintraf, Hekailo habe sein Leugnen aufgegeben, da man beim Öffnen seines Koffers ganz oben den österreichischen Paraderock gefunden hätte. Als es nun klar war, daß der Verhaftete österreichischer Militär war, legten ihm die brasilianischen Gendarmerieoffiziere mitleidvoll einen geladenen Revolver in die Zelle. Aber Hekailo machte von der Waffe ebensowenig Gebrauch wie von der wiederholten Gelegenheit, die ihm der eskortierende brasilianische Artillerieoberstleutnant auf dem Seewege von Paranagua nach Rio de Janeiro bot, sich in das Meer zu stürzen. In Rio de Janeiro wurde Hekailo auf einen nach Triest abgehenden Kohlendampfer eingeschifft. Er war in einer Kabine des Zwischendecks untergebracht, und muß durch die tropische Hitze schwer gelitten haben, da er bei seiner Ankunft in Wien kaum wiederzuerkennen war. Programmgemäß wurde nun Hekailo zuerst über seine vielseitigen Unterschlagungen verhört. Der alte Kaiser interessierte sich lebhaft für diesen Prozeß und wurde über jede Phase durch seinen intimen Freund, den Chef des Generalstabes, Grafen Beck, unterrichtet. Der Kaiser selbst war es, der drängte, die Untersuchung auch auf die Spionagetätigkeit Hekailos auszudehnen. Endlich war es so weit, daß man dem beschuldigten Hekailo die Beweise seines Verrates vorhalten konnte. Sie bestanden in der Hauptsache aus Photographien und Briefen, die Hekailo unter der Deckadresse der beim russischen Generalstabschef in Warschau angestellten Gouvernante an diesen gesandt hatte. Nach Angabe Redls hatte der Erwerb dieser Beweisstücke gegen Hekailo 29000 Kronen gekostet, die das Ministerium für Landesverteidigung auch bezahlen mußte. Bei den Verhören Hekailos wurde Hauptmann Redl als Sachverständiger zugezogen. Hekailo, der ohne Zweifel wußte, daß er auf Grund des Auslieferungsbegehrens und des bestehenden Staatsvertrages mit Brasilien wegen Spionage nicht bestraft werden könne (weshalb er auch die Gelegenheiten zum Selbstmorde nicht ausgenützt hatte), zeigte sich im Verlauf der Untersuchung sehr offenherzig und gestand unumwunden, was er allein oder mit Hilfe dritter den Russen geliefert hatte, darunter die Instruktion für die Alarmierung der Lemberger Garnison. Nur von dem Aufmarschplan wollte er absolut nichts wissen und antwortete Redl, der in auffallendem Übereifer wiederholt in ihn gedrungen war, die Auslieferung dieses Planes einzugestehen, einmal in treffender Weise: „Herr Hauptmann, woher sollte ich mir diesen Aufmarschplan verschafft haben? Den kann nur jemand aus den Generalstabsbureaus in Wien den Russen verkauft haben.“

Nach langem Drängen nannte Hekailo auch seinen Komplizen, den Major Ritter von Wienckowski, Ergänzungsbezirkskommandanten in Stanislau. Schon am nächsten Tage fuhr der Majorauditor Haberditz mit den weitestgehenden Vollmachten ausgerüstet, in Begleitung Redls und des Auditors Dr. Seliger dorthin. Nachdem die Verhaftung Wienckowskis in dessen Bureau vorgenommen worden war, schritt man zur Hausdurchsuchung. Zuerst fand die Kommission in der Wohnung des Festgenommenen nichts von Bedeutung vor. Im Kinderzimmer spielte das sechsjährige Töchterchen des Majors mit der deutschen Gouvernante. Das hübsche Kind war anfangs sehr befangen und starrte die Eindringlinge erschreckt an. Erst als es Redl beim Händchen ergriff und mit ihm polnisch zu plaudern begann, wurde es zutraulicher. Redl legte der Kleinen einige Fragen vor, z. B. wieviel zwei mal zwei sei. Er stellte sich ganz überrascht darüber, daß das Kind richtige Antworten gebe, und belobte es sehr, worüber die Kleine ganz glücklich war. „Bist du auch so gescheit, daß du weißt, wo Papa seine Briefe versteckt?“ fragte Redl. „Natürlich,“ lachte das Kind und lief in das Arbeitszimmer des Majors, kroch unter den mächtigen Schreibtisch und deutete auf dessen linke Ecke. Nun wurde das schwere Möbelstück umgelegt, man fand einen verborgenen Knopf, und als man auf diesen drückte, öffnete sich ein Geheimfach voll von schwerbelastenden Dokumenten. Die Kommission konnte mit diesem kriminalistischen Erfolg zufrieden sein, aber diese Zufriedenheit wurde beeinträchtigt durch die widerliche Art, wie Redl das unschuldige Kind zum Verrat am eigenen Vater mißbraucht hatte. Und dabei hatten die Kommissionsmitglieder keine Ahnung davon, daß Redl ein viel ärgerer Verbrecher sei als Wienckowski.

Wieviel gravierendes Material bei dieser Hausdurchsuchung gefunden worden war, kann man daraus ermessen, daß die Untersuchungsakten am Schluß ein Gewicht von 120 Kilogramm aufwiesen. Sie wurden in einer großen Kiste aufbewahrt und von militärischen Posten bewacht, die die beiden Majore selbst des Nachts visitierten. Einmal nun, – Majorauditor Haberditz war gerade abwesend, – wollte Redl von Dr. Seliger einen streng reservaten Mobilisierungsbehelf zur Einsicht haben, der sich im Aktenfaszikel befand. Dr. Seliger schlug ihm dies mit Hinweis auf seine Instruktionen ab, worauf sich Redl verstimmt entfernte. Kurze Zeit darauf legte Redl dem Majorauditor nahe, er möge beantragen, Redl nach Rußland zu entsenden, da in Warschau noch einige unklare Momente der Affäre zu erheben seien. Der Kommissionsleiter lehnte diesen Vorschlag ab, da die Erhebungen für das Verfahren nicht relevant seien. Nach Verhaftung eines weiteren Komplizen, des Hauptmannes Alexander Acht, Personaladjutanten des Lemberger Militärkommandanten, fuhr die Kommission nach Wien zurück, wo die Verhöre mit den Festgenommenen fortgesetzt wurden.

Da ging in Redl eine auffallende Veränderung vor, denn so eifrig er anfangs für die Überführung des Majors Wienckowski gearbeitet hatte, ebenso eifrig begann er sich plötzlich für dessen Unschuld einzusetzen. Dies ging so weit, daß der Untersuchungsleiter Haberditz es ihm einmal unter vier Augen vorhalten und eine weitere Zusammenarbeit in Frage stellen mußte. Es kam zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung, nach welcher Haberditz beim Vorstand des Evidenzbureaus Oberst Hordliczka die Ablösung Redls als Experten verlangte. Oberst Hordliczka gab ihm in der Hauptsache recht, und versprach, auf Redl entsprechend einzuwirken; zu einer Ablösung Redls könne er sich jedoch nicht entschließen, da ja die Überweisung des Hauptbeschuldigten ein Verdienst Redls gewesen sei, und er diesen nicht um die Früchte seiner Bemühungen bringen wolle. Majorauditor Haberditz gab sich damit zufrieden, Redl wurde jetzt tatsächlich viel zurückhaltender und unterließ besonders seine hemmenden Einwände.

Ja, eines Tages erbot er sich sogar, aus Warschau ein Stück der angeblich von Major Wienckowski eigenhändig abgeschriebenen Mobilisierungsweisungen herbeizuschaffen, da Österreich-Ungarn doch beim Warschauer Generalstab einen sehr verläßlichen russischen Offizier im Solde hätte, dem es ein Leichtes wäre, aus dem Dossier „H“ ein Stückchen der bewußten Schrift herauszureißen. Allein Majorauditor Haberditz war tief erschüttert, als ihm Redl dann nach ungefähr drei Wochen in trockenstem Ton und mit eiskaltem Blick die Nachricht überbrachte, daß der bewußte russische Generalstabsoffizier in Warschau beobachtet worden sei, wie er sich beim Dossier „H“ zu schaffen machte, daß darauf eine Untersuchung seines Schreibtisches erfolgte, in welchem für Österreich ausgestellte Rechnungen gefunden wurden, und daß der Mann zwei Tage darauf standrechtlich gehenkt worden sei.

Nach der Entlarvung Redls erscheint sein damaliges Doppelspiel so ziemlich aufgeklärt: er selbst hatte jedenfalls den Aufmarschplan Österreich-Ungarns an die Russen verkauft und wird den Russen gesagt haben, daß er nun unbedingt auch einen Spionageerfolg für Österreich erzielen müsse. Er brauchte diesen Erfolg um so mehr, als damals der Verrat des Aufmarschplanes an die Russen ruchbar wurde, und er unbedingt einen Sündenbock haben mußte. Da lieferten ihm die Russen denn den Hauptbeschuldigten Hekailo aus. Sie konnten dies um so leichter tun, als Hekailo nach seiner Flucht nach Brasilien für sie nicht nur wertlos, sondern sogar unbequem geworden war: hatte doch der russische Generalstab den Major Hekailo um die Hälfte seines Lohnes geprellt und mußte eine Anzeige fürchten. Als aber dann die Untersuchung auf aktive österreichische Offiziere übergriff, an welchen der russische Generalstab noch ein Interesse hatte (Wienckowski und Acht), wird es an Vorwürfen und Drohungen der Warschauer Stelle gegen Redl nicht gefehlt haben. Das war der Grund, warum Redl plötzlich für die Unschuld des Majors Wienckowski und des zweiten Offiziers eintrat und die Gerichtsbehörde zu bestimmen suchte, das Verfahren gegen diese zwei einzustellen. Dies gelang ihm aber nicht und Redl mußte nun in anderer Weise und um jeden Preis die Russen von seiner ferneren „Loyalität“ überzeugen. Da beging er dann die größte Schurkerei, indem er dem russischen Generalstabsoffizier in Warschau, der für Österreich arbeitete, eine raffinierte Falle stellte, und ihn so dem Galgen auslieferte.

Hekailo, Wienckowski und Acht wurden zu Kerkerstrafen von acht bis zwölf Jahren verurteilt; Wienckowski ist im Kerker von Josefstadt gestorben.

Ein anderer Fall, bei welchem Redl einen russischen Oberst, der für Österreich einen Spionagedienst geleistet hatte, dem Tode überantwortete, ist durch die Promptheit der Denunziation erwähnenswert. Der Thronfolger Franz Ferdinand war in Petersburg zu Besuch gewesen und hatte sich mit dem Zaren in verschiedenen politischen Fragen geeinigt; auf der Heimreise durch Rußland begleitete ihn Oberstleutnant Müller, der damals österreichisch-ungarischer Militärattaché in Petersburg war. Während der Fahrt trug der Erzherzog dem Militärattaché auf, den Zaren jetzt durch unnütze Spionage nicht zu reizen. Oberstleutnant Müller verabschiedete sich vom Thronfolger in Warschau. Dort fand sich der russische Generalstabsoberst Cyrill Petrowitsch Laikow bei Müller ein und bot ihm den ganzen russischen Aufmarschplan zum Kauf an. Eine solche Gelegenheit konnte Oberstleutnant Müller trotz der erzherzoglichen Weisung nicht ungenutzt lassen, und vermittelte den Kauf des Aufmarschplanes. Nach kurzem Jagdausflug kehrte Müller nach Petersburg zurück und begegnete schon am ersten Tage bei Leuten, die ihm bisher freundschaftlich entgegengekommen waren, einer frostigen, beinahe beleidigenden Ablehnung. Erst als er in der Zeitung las, daß Oberst Cyrill Petrowitsch Selbstmord begangen habe, glaubte er diese Kälte seiner bisherigen Gastfreunde zu verstehen: man hatte jedenfalls erfahren, daß ihm Laikow den Mobilisierungsplan angeboten, und vermutete nun, daß er den Unglücklichen dazu verleitet habe. Aber das war es nicht, was ihm die zaristischen Militärs übelnahmen, sondern sie verargten ihm, daß er seinen Spion an Rußland verraten habe. Daran war jedoch Müller, der übrigens am selben Tage von seiner Stellung abgelöst wurde, ganz unschuldig. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Graf Adalbert Sternberg hat mit der Gattin des russischen Großfürsten Paul und mit dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand über diese Affäre gesprochen und deduziert aus dieser Unterredung, daß es Redl gewesen sei, der den Laikow sofort an Rußland verraten, dem sicheren Tode ausgeliefert habe.

Abgeordneter Sternberg gibt übrigens dem Obersten Redl die Schuld am Weltkrieg. „Dieser Schurke,“ sagt er von Redl, „hat jeden österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen aus und verhinderte, daß wir die russischen Geheimnisse durch Spione erfuhren. So blieb den Österreichern und den Deutschen im Jahre 1914 die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die ganze österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt, – daher unsere Kriegslust und unsere Niederlage. Hätten wir klar gesehen, dann hätten unsere Generale die Hofwürdenträger nicht in den Krieg getrieben.“

Tatsächlich wurde diese Behauptung, daß Redl alle österreichisch-ungarischen und sogar deutschen Spione, die in Rußland tätig waren, an Rußland verraten habe, wiederholt von Beteiligten erhoben. Diese Behauptungen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich, ebenso wie die Annahme, daß Redl auch konkrete Kriegsvorbereitungen verraten hat. In der Interpellations-Beantwortung hat der österreichische Landesverteidigungsminister FML. Lt. v. Georgi das zwar bestritten, aber er hat darin ebenso unrecht gehabt, wie in der Bestimmung des Zeitpunktes, seit welchem Redl in feindlichen Diensten stand. Georgi war eben vom Generalstabskorps düpiert, das Einen der ihrigen auch dann noch zu entlasten versuchte, wenn er schon des größten militärischen Verbrechens überführt war. Redl mußte alles verraten, was man von ihm verlangte; das wird jedem klar, der sich vergegenwärtigt, wie Redl zum Spionagedienst angeworben worden sein muß, und wie sehr er sich daher in den Händen seiner Auftraggeber befand.