Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar von 200 Franken und große Komplimente der „entzückten“ Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, – er möge sich Urlaub nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, „weil man den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren wolle“. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. „Unbefugte Mitteilungen an die Presse“, vielleicht gar „Verrat militärischer Geheimnisse“, – denn was konnte nicht alles als militärisches Geheimnis angesehen werden!
Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.
Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! Da – trotz Lassalle – die Arbeit stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben – wenn er nicht das Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene nicht wußten, – daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige gewesen war, der Redl – allerdings lange vorher – zum Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und vielleicht noch höher.
* * *
Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: „Das Leichenbegängnis des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.“
Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
* * *
Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten gesellten.
Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.
Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.