Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch junge Offiziere und Soldaten. „Mit Freude ergreife ich die Feder ...“, – so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.

Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine „fausse maitresse“, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre Freundschaft mit Redl, „die von Dir immerfort verlangte Wahrung des Dekorums“ die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...

Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen zu sein.

Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen Freundin addiert.

Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.

*          *          *

Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, bezieht sich der erste auf den Redl’schen Selbstmord. Es heißt darin: „... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit erhobener Stimme: ‚Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der Religion, – auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, ist unchristlich.‘ Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich ungnädig: ‚Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den Selbstmord nicht verhindert hat.‘ Auch darüber war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.“

Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:

„Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.“

Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.