Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
„Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas auffällt.“
Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: „Bei den vielen Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden – ich war nicht der Älteste unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher Aufwand, speziell sein „Autohalten“ auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, ‚besitzt eigenes Vermögen‘. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht verantwortlich machen.
Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes ‚Kavalleriekorps‘ auch eine Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das ‚Attachéquartier‘, das ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, ‚gerichtliche Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen‘. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur Durchsicht des Nachlasses bestimmt – und dennoch konnte es geschehen, daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen – es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr Giesl’s auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers in Spalato bald frei würde. – Die Aussicht, nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte ich Gelegenheit, mich zu ‚rehabilitieren‘! Also noch immer der alte Groll, – es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich keinem fremden Urteil fügen.
Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch folgenden Wortlaut:
‚Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.‘
Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern: