‚Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.‘
Dann nahm die Komödie ihren Fortgang – – mit dem Arzt wurde ein Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir uns denn auf eine ‚Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben Jahres zweifellos behoben sein wird‘. Diesen weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr, wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch seine Offenheit verblüffte: ‚Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...‘
Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war – mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten.
Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich mit den Worten: ‚Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?‘ Als ich Exz. Bolfras die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint militaire d’Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, – kurz, ich stand beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich die Pensionierung, – der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras’ liegen. – Dort lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß geführt habe.“
Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung „des Chefs“, der einen seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument des „flaschengrünen Korpsgeistes“, mit dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, – sie duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen Generalstäbler verurteilen, – deshalb Redls Selbstmord.
Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem einzigen Wort konnte man ihn zwingen.
So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, – er wird sich immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando zum Selbstmord.
In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
sind bis jetzt folgende Bände erschienen: Band 1:
ALFRED DÖBLIN
DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND
IHR GIFTMORD
Band 2: