Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses „Schwarze Kabinett“, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche Verhalten Kaiser Franz Josefs – dieser brüskierte ihn beim Hofball – davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.
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Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die postlagernd unter der Chiffre „Opernball 13“ beim Hauptpostamt Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten – ohne textlichen Kommentar – Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine geschrieben.
Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach den Briefen, in denen so viel Geld war.
Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der „Opernball“-Chiffre ausgehändigt hatte – war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein Mietsauto.
Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der „Ritt“ gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.
Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine Kette von unglaublichen Zufällen, „Jägerglück“.
Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden müßten, – – fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, – es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es ist leer.
„Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?“
„Ins Café Kaiserhof.“