Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: „Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, – das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.“
Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, – ist Oberst Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens kaltblütig versucht!
Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist kein Mangel daran: eine „Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im Generalstab“ ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein „Schema für die Beschaffung von Kundschaftermaterial“, „Normen zur Aufdeckung von Spionen im In- und Ausland“, ein dickes Faszikel „Gutachten in den Jahren 1900 bis 1905“. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, „Opernball 13“, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.
Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne – alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen italienischen Spionagezentrale.
Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?
Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht wie ein „v“ aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, – aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem Prager Zug eingetroffen war.
In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
„Über Land fahren ...“ Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem Tourenwagen zu sitzen und – auch ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten – schön über Land fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.
Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt „der Chef“ in großer Gesellschaft. „Was bringst du mir Schönes?“ fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem „Graf von Luxemburg“, der neuen Operette: Bist du’s, lachendes Glück ...
„Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen bitten?“