Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende – genau zwölf Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief – damit die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde – das Hotel unter einem fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. Man wartete aber nicht länger am Apparat.

Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: „Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.“

Als Nachschrift war hinzugefügt: „Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für mich.“

Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten – jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen – wollten die Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: „In alt bewährter Treue“) wollte sich durchaus nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den Polizeibeamten und – als diese ihn beiseite schoben – dem aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem Mörder.

So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon nichts gesagt?

Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?

Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine Ahnung: von der Spionage.

Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals geschafft.

Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, „der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...“, „... in der letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...“, „... in Wien, wohin ihn dienstliche Aufgaben geführt hatten ...“

Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt miteinander, da das 8. Korps für „Fall 3“ (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.