Oberst Redl: „Nein.“
Das Mitglied der Kommission: „Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.“
Redl (stockend): „Ich bitte – gehorsamst – um einen – Revolver.“
Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning zu holen, um ihn „Herrn Redl“ einzuhändigen.
Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen und dem Oberst sagen: „Machen Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.“
Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die „Beendigung“ der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen – einer von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef Spionage getrieben habe.
Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.
„Das Zimmer war offen,“ meldete er erregt, „ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst – tot.“