Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.

Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im „Café Kaiserhof“ waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor der Türe des „Hotel Klomser“ von Oberst Redl verabschiedet.

* * *

Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie – den Hotelinstruktionen entsprechend – nicht ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein heiseres „Herein“ hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.

Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.

„Ich weiß, weshalb die Herren kommen,“ bringt er langsam heraus. „Ich habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu schreiben.“

Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. („Ein dolchartiges Messer“ und eine „Rebschnur“, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu haben.)

Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.

„Ich hatte keine Komplizen,“ erwidert er.

Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: „Eine Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?“