Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen möchte.

Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt.

„Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,“ beginnt er.

„Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.“

„Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?“

„Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?“

„Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?“

„Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden – was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.“

Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht erzielen.

Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen „Wenzel Vorlicek, k. u. k. Majorauditor“.