Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung „des Chefs“, der einen seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument des „flaschengrünen Korpsgeistes“, mit dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, – sie duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der Redl-Affäre gab dem Erzherzog Franz Ferdinand keine Handhabe, trotz aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen Generalstäbler verurteilen, – deshalb Redls Selbstmord.

Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischer Spion. Mit einem einzigen Wort konnte man ihn zwingen.

So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, – er wird sich immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando zum Selbstmord.

In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
sind bis jetzt folgende Bände erschienen:

Band 1:

ALFRED DÖBLIN
DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND
IHR GIFTMORD

Band 2:

EGON ERWIN KISCH
DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS
REDL

Band 3:

EDUARD TRAUTNER
DER MORD AM
POLIZEIAGENTEN BLAU