Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes ‚Kavalleriekorps‘ auch eine Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das ‚Attachéquartier‘, das ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, ‚gerichtliche Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen‘. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur Durchsicht des Nachlasses bestimmt – und dennoch konnte es geschehen, daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen – es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr Giesl’s auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See auf ein Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers in Spalato bald frei würde. – Die Aussicht, nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte ich Gelegenheit, mich zu ‚rehabilitieren‘! Also noch immer der alte Groll, – es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich keinem fremden Urteil fügen.
Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir einen Befehl des Thronfolgers vorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch folgenden Wortlaut:
‚Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.‘
Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
‚Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.‘
Dann nahm die Komödie ihren Fortgang – – mit dem Arzt wurde ein Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir uns denn auf eine ‚Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben Jahres zweifellos behoben sein wird‘. Diesen weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten. Ich leistete nun keinen Dienst mehr, wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch seine Offenheit verblüffte: ‚Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolger schon kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...‘
Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war – mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten.
Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich mit den Worten: ‚Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?‘ Als ich Exz. Bolfras die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint militaire d’Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestät hatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, – kurz, ich stand beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich die Pensionierung, – der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras’ liegen. – Dort lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigen Urlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß geführt habe.“