Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.
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Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, bezieht sich der erste auf den Redl’schen Selbstmord. Es heißt darin: „... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit erhobener Stimme: ‚Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der Religion, – auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, ist unchristlich.‘ Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich ungnädig: ‚Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den Selbstmord nicht verhindert hat.‘ Auch darüber war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.“
Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:
„Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.“
Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.
Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
„Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas auffällt.“
Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: „Bei den vielen Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden – ich war nicht der Älteste unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher Aufwand, speziell sein „Autohalten“ auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, ‚besitzt eigenes Vermögen‘. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht verantwortlich machen.