Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: „Das Leichenbegängnis des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.“
Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
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Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten gesellten.
Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.
Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.
Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch junge Offiziere und Soldaten. „Mit Freude ergreife ich die Feder ...“, – so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.
Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine „fausse maitresse“, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre Freundschaft mit Redl, „die von Dir immerfort verlangte Wahrung des Dekorums“ die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen zu sein.
Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen Freundin addiert.